Das Gefühl der Ratlosigkeit

Warum die gegenwärtige Lage viele Menschen ziemlich verrückt macht.

Jetzt im Buchhandel: „Die neue (Ab)Normalität“, Picus-Verlag, 160 Seiten

Journalistinnen und Publizisten sind keine Wissenschaftler und auch keine Politikerinnen, aber sie haben im besten Falle folgende Aufgabe: sich mit allen Fakten und Aspekten einer Sache vertraut zu machen, um sie dann für ein Publikum zu übersetzen, das nicht aus Fachleuten besteht. Simpel gesagt: Eine Wissenschaftsjournalistin muss selbst keine Impfstoffe entwickeln können, aber sie muss die Studien in Fachmagazinen verstehen um die für die Allgemeinheit wichtigen Information popularisieren zu können. Man muss auch alle gängigen und denkbaren Gegenargumente zu einem gut klingenden Vorschlag der Politik im „Effeff“ haben, um dann alle Fürs und Widers abwägen zu können.

Die Kollegin Gabriele Kuhn hat diese Woche im „Kurier“ eine Art Geständnis abgelegt: „Ich habe gerade keinen Schimmer mehr, was richtig und was falsch ist. Es fällt mir zunehmend schwer, die Dinge, Ereignisse und Erkenntnisse einzuordnen, eine Meinung zu haben. Schon gar nicht habe ich solide Antworten auf die brennenden Fragen.“

Im Grunde geht es allen so oder so ähnlich. Manchmal sagen ja auch Leute, man wisse gar nichts über das Virus und seine Eigenschaften. Das ist Unsinn. Man weiß unglaublich viel. Man weiß zwar noch immer nicht exakt, ob die „Fallsterblichkeit“ eher bei einem Prozent oder bei eineinhalb liegt, aber man weiß natürlich dass sie nicht bei 0,1 liegt und nicht bei 50 Prozent. Dass man etwas nicht ganz exakt weiß, heißt ja nicht, dass man nicht verdammt viel weiß.

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Das Hauptproblem ist sowieso ein anderes: Wir sind in einer Lage, in der wir andauernd ganz viele Fragen gleichzeitig beurteilen müssen, was uns überfordert. Die Infektiosität, die aktuellen Fallzahlen, die möglichen künftigen Fallzahlen, die Todesrate und die Kapazitäten auf den Intensivstationen, die Nutzen der Tests, die wirtschaftlichen Folgen der Anti-Pandemiemaßnahmen, „die Folgen dieser Folgen“, also etwa die Auswirkungen, die das an brutalen Sorgen für die einzelnen Menschen hat. Dazu kommen die psychischen Auswirkungen – Depressionen und andere Gesundheitsrisiken – und das Leid der Kinder. Und dann kommen noch dauernd Überraschungen dazu, wie mutierte Viren.

Es ist so, wie wenn man in der Schule eine Gleichung mit 17 Variablen lösen muss: Man sitzt davor, es raucht einem der Kopf und man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Es ist für uns Menschen auch sehr schwer zu akzeptieren, dass uns etwas einfach so hin- und herbeutelt. Psychologen nennen es die „Zufallsaversion“ von Menschen. Wenn schon etwas richtig mies läuft, dann ist es leichter, wenn man einen Schuldigen hat. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, dass Verschwörungstheorien gerade so populär sind: In ihnen gibt es immer einen Bösewicht, der alles geplant hat, und das ist erleichternd.

Genausowenig schätzen wir Unsicherheit. Oft ist zu hören: Kann uns die Regierung nicht bitte sagen, wann genau die Restaurants wieder öffnen können, bitte mit exaktem Datum, schließlich müssen die ja planen. Leider: Sie kann das nicht. Niemand weiß: Liegen die täglichen Neuinfektionen in einer Woche bei 2000 oder 3000? Von übernächster Woche wollen wir gar nicht reden.

Wie gesagt: Es ist nicht leicht, bei all dem kühlen Kopf und die Vernunft zu bewahren. Aber die Fledermaus hat dieses depperte Virus halt auch nicht erfunden, damit wir es leicht haben. Vernünftig ist, das zu akzeptieren und einigermaßen kühlen Kopf zu bewahren.

Ein Gedanke zu „Das Gefühl der Ratlosigkeit“

  1. „Schon gar nicht habe ich solide Antworten auf die brennenden Fragen.“ Das ist genau der Ansatz, wo die Fachverbrater von KPMG und Deloitte ins Spiel kommen.
    „Mach doch so! Weil….Das ist geil!“ Und Schwupps – ist die angeschlagene Biohofkette von Bauer Huber via Private Equity an Nestlé vertickt. 3 Monate später findet man Bauer Huber tot in seiner noch verbliebenen Garage.
    Ein paar Tote hier, ein paar Tote da spielen keine Rolle, sofern der € rollt und keine Reichen betroffen sind.
    Sollten die Corona-Maßnahmen nichts gebracht haben, ist das auch nicht schlimm. Niemand wird das je beweisen können. Allerdings sind fast alle voll des Lobes darob, da endlich mal jemand was gemacht hat. Nur Eines wird ganz sicher nicht mehr geben: Die alte Normalität oder wie man vor 2 Jahren noch seine Zukunft geplant hat. Mit H5N8 und MERS stehen die Nachfolger von Covid-19 bzw. Sars-Cov-2 auch schon so gut wie fest. Da kann man nur hoffen, dass alle gesund bleiben.

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