Der Fall Blümel(s)

Der Filz von Macht, Geld und Wichtigtuerei. Früher blieb das Halbseidene im Dunkeln, heute wird es per SMS dokumentiert – und damit nachlesbar.

Honoré de Balzac, den man den Erfinder des großen, bürgerlichen Romans nennen kann, schrieb im frühen 19. Jahrhundert die Pariser Gesellschaftspanoramen, in denen sich die Geldleute, die noble Aristokratie, die normalen Menschen, die aufstrebenden Jünglinge, die Dirnen und die Ganoven über den Weg liefen. „Man sieht, dass sich in allen Schichten der Gesellschaft die Bräuche gleichen und nur in der Art und Weise und in Nuancen verschieden sind. Auch die große Welt hat ihr Rotwelsch, aber dieses Rotwelsch heißt ‚Stil‘“, schrieb er in seiner glasklaren Art. Das „Rotwelsch“ der Gauner, der Straßenslang der Halunken und Räuber, ist auch nichts anderes als das hochtrabende Gerede der Großtuer und Geldleute.

In der Sprache der einen macht man „einen Bruch“ oder kommt man einen Rivalen mit „der Sense“, in der Welt der anderen würde man heute von „Output-Optimierung“ und „Netzwerkeffekten“ reden. Was dem Stizzi das Goldketterl, ist in der anderen Welt der Slim-Fit-Anzug.

Halbseiden sind die Netzwerke da und dort.

„Mach es für mich (Kusssmiley)“, textete der damalige Wiener ÖVP-Chef und heutige Finanzminister Gernot Blümel an den Generalsekretär im Finanzministerium, nachdem ihm ein Glückspiel-Manager schrieb, der Hilfe bei einem Steuerverfahren in Italien brauchte. Nach der Hausdurchsuchung bei Blümel schauen die Staatsanwälte nun streng, ob in diesem Fall ein unmittelbarer Vorteil für die ÖVP auf der einen Seite, und ein direkt damit verbundener Nutzen für den Konzern nachweisbar sind. Das berühmte, direkt nachweisbare „Amtsgeschäft“. Dieses wäre die „illegale“, die „verbotene“ Korruption.

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Aber natürlich zeichnet sich diese Welt der Polit-Apparatschiks und Leichtmatrosen der Parteien, die ihre Kriegskassen gefüllt haben wollen, der ministeriellen Wichtigtuer und Glücksritter, der Konzerne und Giermanager, die nicht sich an die Regeln, sondern die Regeln an ihre Wünsche angepasst sehen wollen, primär durch das aus, was man den „legalen Filz“ nennen kann. Immer zum eigenen Vorteil, nie im Sinne des Gemeinwohls, versiert im Finden von Schlupflöchern, mit dem berühmten Gspür für die Hintertürln, manchmal an der Grenze zur Illegalität, öfter im Graubereich des Ungefähren. Die eine Hand wäscht die andere. Der Gefallen, der einmal geleistet wird, für den gibt es schon irgendwann eine Revanche. Wer braucht schon illegale Amtsgeschäfte, wenn man Akte der Freundlichkeit zu setzen kann, von denen man weiß, dass sie irgendwann schon erwidert werden.

Man lernt früh: Mach mit in der Gschaftlhuberwelt des Geben und Nehmens, nur dann kommst du voran.

Die Charaktere, die man in dieser Scheinwelt antrifft, kommen sich selbst oft toll vor, platzen vor Beeindrucktheit über sich selbst und ihren Erfolg, haben diese gewisse Aufgeblasenheit und ein gigantomanisches Selbstbild, das meist durch keine sonstigen erkennbaren Talente gestützt wird. Nicht selten führt das bei einigen dazu, dass sie sich unverwundbar fühlen, besoffen von der eigenen Wichtigkeit, wo sie sich doch täglich vorsagen: Mir kann keiner was. Das ist die große Gefahr, weil das unvorsichtig macht.

Am Erstaunlichsten finde ich ja, dass all diese Verabredereien, die man früher vielleicht im Hinterzimmer und im Flüsterton abgewickelt hätte, per SMS, Whatsapp und andere Chat-Fenster verschriftlicht wurden. Diese Dinge so zu betreiben, dass sie dokumentiert bleiben, von Gerichten gesichert (aber auch von Geheimdiensten abgesaugt) werden können – das ist eigentlich das Unbegreiflichste daran.

Diese himmelschreiende Dummheit würde alleine diverse Rücktritte zwingend machen.

3 Gedanken zu „Der Fall Blümel(s)“

  1. Heute hast Du Top-Manager mit 100.000 € Wetten auf Underlings, die sich mit Corona durch die Scheiße wälzen.
    Es hat sich also viel geändert.

  2. Die Menschen (auch Politiker) müssen lernen damit umzugehen das nichts mehr geheim ist. Alle wissen alles. Egal ob sie es selbst per SMS, WhatsApp usw… noch selbst dokumentieren.
    Fallbeispiel:
    Hinterzimmer früher: 3 Personen gehen hinein. 3 weitere haben es gesehen/ wissen davon . Aufdeckung gering.

    Hinterzimmer heute: 3 Personen gehen hinein. Die ganze Welt kann es sehen; das Navi, das Handy, die Security Cam, die social Medien, das Handyparking, die Kreditkartenabrechnung….,
    Aufdeckung: sehr wahrscheinlich

    Ich kann mich noch so sehr schützen, das rundherum kann ich nicht beeinflussen.

    1. eh, aber ein paar Dinge kann ich machen, vor allem als Politiker: SMS, E-Mails etc von denen ich nicht will, dass die Öffentlichkeit sie kennt (oder der Geheimdienst eines anderen Landes sie erhält), die schreibe ich einfach nicht. Sorry, das ist keine Raketenwissenschaft.

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