Suppenhühner in Stahlgewittern

Der Theaterdirektor und das Virus: Frank Castorf wünschte sich zwar immer den Einbruch des Elementaren, aber unbequem darf es dabei nicht werden.

Wenn es zuviel Sicherheit und Routine gibt, dann wünschen sich manche Dichter und Intellektuelle, dass irgendetwas einbricht, was die Welt aus ihren Gleisen hebt. Sie sitzen in ihren gewärmten Stuben und träumen von einer Revolution, einer Katastrophe, was auch immer. Dass sich irgendetwas tut, das sie aus ihrem Ennui reißen könnte. Frank Castorf, der langjährige Chef der Berliner Volksbühne, hat deswegen immer gerne Ernst Jünger gelesen, dessen Erlebnisse aus den Schützengräben, und vor 25 Jahren hat er in einem Interview kundgetan, ihn fasziniere die „Sehnsucht nach Vitalität, nach Mut, nach Kraft, nach all den Sachen, die wahrscheinlich heute im rechtsradikalen Fundus zu finden sind“. Wir hingegen, so klagte der Theatermann, lebten bloß in der öden „Welt der Schmerztablette“ – die Schmerztablette als Metapher für den sedierten, sicheren Alltag, in dem wir jedes Wehwehchen gleich weg medikamentieren, Synonym einer Wattebausch-Realität, in der jeder seine Lebensversicherung hat und der Einbruch des Wüsten, des Ungeplanten nicht mehr vorgesehen ist. Er wünsche sich, sagte er, ein neues „Stahlgewitter“, oder eine „Apokalypse“, „dass viele Hunnen zu uns kommen oder der Amazonas über uns hereinbricht“.

Alles nur, um die Langeweile zu vertreiben. Natürlich war das nie mehr als wohlstandsverwahrloste Sehnsucht nach dem Elementaren. Kommt das Elementare dann einmal in die Nähe, ist es natürlich auch wieder nicht recht. Wie etwa in Gestalt eines Virus. Wahrscheinlich ist dieses Virus das, was dem Einbruch von Naturgewalten und der Apokalypse am Nächsten kommt, was diese Generation je erlebet haben wird. Erstmals wird der Alltag durcheinander gebracht, gibt es etwas, vor dem man ein bisschen Angst haben muss und in der die routinierten Checks-and-Balances nicht mehr funktionieren. Regierungen erlassen Kontaktbeschränkungen, das soziale Leben folgt neuen Regeln, Individuen adaptieren sich daran. Gewohnheiten und auch Usancen werden durcheinander gewirbelt, mit allen unschönen Begleiterscheinungen. Die einen sind rücksichtslos, die anderen werden panisch, wieder andere wollen das Verhalten ihrer Mitbürger kontrollieren, die einen sind hilfsbereit, die anderen werden egozentrisch.

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Man könnte das, aus der Perspektive des mit eisigen, zynischen, mikroskopischen Verstand beobachtenden Dichters auch als großes Gesellschaftsexperiment ansehen, bei dem man zwar um seine Bequemlichkeit gebracht ist, bei dem man aber auch studieren kann, wie Menschen reagieren, wenn mal ein bisschen das Elementare einbricht. Als etwas, das „interessant“ ist.

Aber jetzt jammert Castorf in einem „Spiegel“-Interview, dass die Maßnahmen zur Virusbekämpfung eine falsche, „gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor den Tod“ propagieren. Zugegeben, das passt noch in die Logik der Sehnsucht nach Menschenopfern, damit sich mal ein bisschen etwas tut und zu jüngerschem Antihumanismus mit „kaltem Herz“. Aber dann: Nichts als wohlfühlbürgerliches Lamento. Er erzählt, dass er sich „noch nie so beengt gefühlt habe“ in seinem Leben. Im Verkaufsladen werde er angehalten, den Mindestabstand einzuhalten wenn er gustiert, ob „ein Suppenhuhn oder ein Brathuhn“ auf den Teller komme. Auch wolle er sich nicht von staatlicher Seite empfehlen lassen, sich die Hände zu waschen.

Wenn uns einmal wirklich der Amazonas überschwemmt, will ich Frank Castorf nicht in meiner Nähe haben, der dann gleich zu heulen anfängt, dass das Leben ohne Suppenhuhn einfach keinen Spaß mehr macht.

Wenn Castorf die Nervosität von Kunden beim Biometzger schon den Tag verdrießt und wenn ihm eine Prise obrigkeitlicher Hygienepolitik derart auf die Nerven gehen, dann fragt man sich freilich, wie sich Castorf seine „Stahlgewitter“ und die elementaren Erlebnisse im Schützengraben einst ausgemalt hat. Als Schule der Freundlichkeit, des Altruismus und der sprichwörtlichen Prenzlauer Berger Lässigkeit? Beim Ansturm der Hunnen wäre es bei sanftpfötigen Kontaktregeln wohl nicht geblieben. Da wäre man für ein Brathuhn wohl erschossen oder geköpft, und nicht nur von einem überängstlichen Maskenträger angekeppelt worden.

Ehrlich, wenn uns einmal wirklich der Amazonas überschwemmt, will ich Frank Castorf nicht in meiner Nähe haben, der dann wahrscheinlich gleich zu heulen anfängt, dass das Leben ohne Suppenhuhn einfach keinen Spaß mehr macht.

Die Stunde der Solidarität

Mit dem Geist der Gemeinsamkeit sind wir gut durch die ersten acht Wochen Pandemie gekommen. Mehr wir, weniger Gier gilt auch für die Wirtschaftskrise.

Viele Menschen empfinden die gegenwärtige Situation als umbequem. Manche auch als extrem belastend, weil sie einsam oder mit kleinen Kindern seit Wochen eingesperrt sind. Oder weil sie arbeitslos geworden sind. Oder weil ihr Unternehmen am Rande des Ruins steht.

Aber es gibt nicht nur Negatives: Es gibt extrem viel Solidarität. Menschen helfen einander und organisieren sich im Alltag so, dass sie einander unter die Arme greifen können. Auf der Straße und beim Einkaufen gehen sich die Menschen beinahe zärtlich aus dem Weg. Das ist kein anti-soziales Distanzieren, sondern ein sehr achtsames. In den Parks spielen Menschen miteinander Fußball, aber nicht in den Gruppenformationen, die ein Ansteckungsrisiko bergen, sondern in Zweier- oder Dreiergruppen, um sich ein wenig zu bewegen. Dutzende machen das nebeneinander, mit Abstand, aber doch miteinander verbunden. Fliegt der Ball in die falsche Richtung, wirft man ihn sich wechselseitig zurück, mit ein paar netten Gesten oder freundlichen Worten, einem Danke, einem Bitte. Und es ist völlig egal, wo man geboren ist, oder wo die Eltern geboren sind. Die meisten befolgen all diese Regeln, und zwar nicht weil sie Angst vor Strafen haben. Alle, die hier leben, sind als Gemeinwesen verbunden. Wir haben – vorerst zumindest – geschafft, wovon man uns vorher eingeredet hat, dass das nur Diktaturen schaffen würden, die den Menschen Befehle geben können. Wir haben das auf demokratische, antiautoritäre Weise gemeinsam hingekriegt. Und klar gibt es Nörgler, die das alles nicht mehr akzeptieren wollen. Aber es sind nicht sehr viele.

Vor uns liegt aber jetzt auch die nächste Krise, die Wirtschaftskrise. Schon in den letzten Wochen wurden Milliarden Euro verloren. Das wäre noch nicht einmal besonders tragisch, wenn die Wirtschaft bald wieder völlig anspringen würde. Aber das wird nicht passieren. Viele Unternehmen werden pleite gehen, und die sind dann nicht mehr da. Freie Stellen werden rar sein. Viele, die jetzt in Kurzarbeit sind, werden noch ihren Job verlieren. Branchen, wie der Handel und die Gastronomie werden auch in sechs Monaten weniger einnehmen als vor der Krise – und auch das wird Arbeitsplätze kosten. Andere Branchen liegen ganz darnieder, vom Tourismus bis zu den Fluglinien, Flughäfen und damit verbundene Unternehmen. Auch in der Autoindustrie können ein Drittel der Jobs verloren gehen. Einfach, weil die ganze Welt in einer Wirtschaftskrise steckt und die Konsumenten weniger einkaufen. Die Stunde der Solidarität weiterlesen

So arbeitet der Tod

Es wird unterstellt, an Corona sterben vorwiegend Menschen, die „sowieso gestorben wären“. Ich hätte da eine Geschichte zu erzählen…

Mein Freund Thomas Strittmatter war zu Lebzeiten ein berühmter Mann – und heute ist er es irgendwie noch immer. In seiner Heimatstadt haben sie die Schule nach ihm benannt – das „Thomas-Strittmatter-Gymnasium“, und es gibt auch einen Literaturpreis, der seinen Namen trägt. Er war so ein Wunderkind, hat schon als Teenager alle großen deutschen Theaterpreise abgeräumt, mit dreißig hatte er alle deutschen Filmpreise ergattert (für seine Drehbücher). In den neunziger Jahren wohnten wir gemeinsam in Berlin, er hatte seine WG mit einem Kumpel ein Stockwerk über mir. In meiner Wohnung hatte er seine Schreibstube. Wir hatten uns das schön ausgemalt: Tagsüber Tür an Tür schreiben, sich Abends dann die Texte vorlesen. An seinem letzten Lebenstag gingen wir nach dem Tagwerk essen, danach in unsere Lieblingskneipe auf einen Grappa, später wollten wir uns mit Freunden den Rohschnitt seines jüngsten Filmes ansehen.

Als ich zu ihm dann in die Wohnung hinauf ging, lag er zwischen Klo und Duschkabine – bewusstlos, wie ich zuerst annahm. In Wiederbelebung war ich, wie sie sich denken können, kein großer Profi. Außerdem, versuchen sie einmal alleine einen bewußtlosen 100-Kilo-Mann über das Klo zu in stabile Seitenlage zu heben. Der Notarzt kam schnell, richtete eine Art Intensivstation ein. Nach 45 Minuten sagte er: „Wir konnten leider nichts mehr tun.“ So arbeitet der Tod weiterlesen

Ist ja egal, ob Du heute oder in zehn Jahren stirbst…

In meinem Onlinetagebuch auf A&W rücke ich heute ein bisschen die Dimensionen zurecht. Menschen ersticken, kämpfen um ihr Leben, ÄrztInnen und PflegerInnen geben grad alles, oft rund um die Uhr, ohne Pause in Anzügen wie Raumfahrer – und auf der anderen Seite jammern manche von uns darüber, wie unbequem unser Leben geworden ist und dass wir das nicht mehr aushalten. Ich halte ja eher diese Frivolität nicht gut aus…

Ein Staat, der Bürger wie unmündige Kinder behandelt

Diese ganze Krise hat unsere Gewohnheiten umgeworfen und uns auch innerlich verunsichert. Wer erleben einen Kontrollverlust. Wenn wir das Haus verlassen spüren wir eine innere Unruhe. Vorsichtig, fast wie Diebe schleichen wir herum, weil wir wissen, dass da eine Gefahr ist, die unsichtbar ist. Um Passanten machen wir einen Bogen, aber wir gehen uns sehr achtsam aus dem Weg, fast zärtlich. „Soziale Distanzierung“ heißt das jetzt, aber das ist ein dummes Wort, weil es eigentlich „physische Distanzierung“ heißen sollte, da wir uns sozial sogar näher sind als normal. Denn es ist jetzt nötiger denn je: sich in die Anderen einzufühlen. Sich zu helfen, zu unterstützen. Wir sind auch staatlichen Regeln unterworfen, die massiv in unsere Selbstbestimmung eingreifen. Auch das hat einen Effekt psychischer Irritation, weil wir es spontan einmal ablehnen, bevormundet zu werden, und zugleich wissen, dass diese Eingriffe in den Alltag richtig sind.

Die Regierung, die nicht alles falsch macht, macht auch viel nicht richtig. Sie kommuniziert mit Bürgerinnen und Bürgern, als wären die unmündige, infantile Kleinkinder. Sie lobt, erklärt uns, dass sie stolz auf uns sei, weil wir so brav sind. Schimpft aber auch mit denen, die schlimm sind, zu denen kommt der böse Nehammer. Vielleicht wäre es besser, mit Bürgern und Bürgerinnen wie mit intelligenten Lebewesen zu sprechen, und nicht im Stil strenger Kindergartenpädagogik der fünfziger Jahre. Ein Staat, der Bürger wie unmündige Kinder behandelt weiterlesen

Vom Geben und vom Nehmen

Die Reichen werden reicher, alle anderen haben immer mehr Stress. Arbeit wird hoch besteuert, Erbschaften gar nicht. Zwei kommen in die Intensivstation, aber nur für eine von ihnen gibt es ein Beatmungsgerät. Pflegerinnen werden mit Peanuts abgespeist, Broker zählen im Homeoffice ihre Millionen. Alles ungerecht. Aber was genau wäre gerechter? Gerechtigkeitsnormen in Krisenzeiten.

Arbeit & Wirtschaft, Onlinemagazin von AK und ÖGB. 

Als die Corona-Krise in Österreich zu ersten Panikkäufen führte, machten ein paar Scherzbolde folgenden Witz: Die reichsten 10 Prozent der Österreicher haben beinahe 56 Prozent aller Klopapierrollen gehortet. Für die ärmere Hälfte der Bevölkerung bleibt nichts anderes, als sich um vier Prozent der Klopapierrollen zu raufen. Und in Wirklichkeit ist alles noch schlimmer, wegen der Dunkelziffer auf der Toilette. Schätzungen zufolge verfüge das reichste Top-1-Prozent über 40 Prozent aller Klopapierrollen.

Ziemlich genau so ist die Reichtumsverteilung in Österreich. Nur nicht in Klopapierrollen, sondern in Finanz-, in Immobilienvermögen und Fabrikanlagen.
Die Reichen werden reicher. Die Reichsten werden sehr viel reicher. Und die allermeisten werden es nicht. Während die einen nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, hat ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger überhaupt kein Vermögen. Sie sind von ihren Einkommen abhängig. Und auch bei denen sieht es nicht rosig aus. Vom Geben und vom Nehmen weiterlesen

Unruhe im Seuchengebiet

Epidemien sind in gleichem Maße soziale Phänomene, wie sie biologische Phänomene sind. Wir werden infiziert, bevor wir einen Virus fangen. Über Angst, Solidarität, Panik, Egoismus & Menschenerziehung in Zeiten der Ansteckung.

Longread. Essayismus ist der Versuch, mit heißer Feder die Zeit zu begreifen, in der man ist. In aller Vorläufigkeit. Die größte Herausforderung dafür sind irrsinnige Zeiten. Ich habe in diesen Text so bisschen das vergangene Monat investiert, was auch nicht tragisch ist, ich durfte ja eh nicht raus. Natürlich freue ich mich, wenn Ihnen das etwas wert ist, sollte es Ihnen gefallen. Bankverbindung. Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW 

Wir erleben einen Kontrollverlust, und das ist für die meisten von uns völlig ungewohnt. Wenn wir das Haus verlassen, spüren wir, dass wir keine Kontrolle über die Gefahr haben, der wir uns aussetzen. Wir bewegen uns vorsichtig, vorausschauend. Fast wie Diebe schleichen wir herum. Stets rechnen wir mit der Gefahr, die die unangenehme Eigenschaft hat, völlig unsichtbar zu sein. Wir haben keine Kontrolle über unsere Gesundheitsrisiken, wir haben noch weniger Kontrolle über unsere künftigen Einkommen. Wir haben noch nicht einmal eine Kontrolle darüber, ob wir künftig unseren Beruf ausüben dürfen. Wir haben eigentlich keine wirkliche Kontrolle darüber, ob und wann und zu welchem Zwecke wir das Haus überhaupt verlassen dürfen. Im Hausarrest individualisiert, haben wir zugleich jede Autonomie eingebüßt.

Ein Gesellschaftsexperiment, in dem wir leider auch die Laborratten sind

Wenn alle miteinander verbunden sind, ist die Autonomie eine Chimäre, das spüren wir plötzlich noch mehr als sonst. In komplexen Gesellschaften sind wir immer alle verbunden, aber noch mehr spüren wir diese Verbindung, wenn es Ansteckungsketten sind, die uns aneinander binden. In Zeiten der Ansteckung werden wir noch mehr zu einem Organismus, als wir das sowieso immer sind. Wir halten uns voneinander fern, und versuchen doch solidarisch zu sein. Irgendwie: Zusammenhalten, indem wir uns aus dem Weg gehen. „Social Distancing“, dieses eigentümliche Wort der Stunde, ist auf dumme Weise falsch. Wir halten „physische Distanz“ und versuchen, so gut das geht, sozial zu kuscheln. „Es ist ein seltsames Gefühl des Kontrollverlustes, das ich nicht gewohnt bin, aber ich wehre mich auch nicht dagegen“, scheibt der italienische Autor Paolo Giordano.

Ein spannendes Gesellschaftsexperiment, das nur den Nachteil hat, dass wir in diesem Versuch die Beobachter als auch zugleich die Laborratten sind.

Epidemien, Pandemien, Seuchen sind, wie Laura Spinney in ihrer großen Untersuchung über die „Spanische Grippe“ schreibt, „im gleichen Maße ein soziales Phänomen wie ein biologisches Phänomen“.

Social Distancing ist es dummes Wort: Wir betreiben physisches Distancing, aber soziales Kuscheln.

EPIDEMIEN ALS SOZIALES PHÄNOMEN

So eine Seuche ist schon eine Pest. Woran (Wortspiel!) wir schon sehen, wie uns Epidemien prägen. Sie prägen die Mentalitäten, die Sprache. Die Pest ist bis heute auch eine Metapher für alles, was so wirklich unerträglich ist. Synonym für blanken Terror. Seuchen prägen uns. Sie. Mich. Bis ich gelernt habe, wie man sich richtig die Hände wäscht, musste ich 54 Jahre alt werden, oder wie man jetzt bei uns sagt: Risikogruppe. Unruhe im Seuchengebiet weiterlesen

Wenn es tausend Euro regnet…

Helikoptergeld. Früher waren es eher nur ein paar Spinner unter den Ökonom*innen, die vorschlugen, der Staat solle jeder*r Bürger*in einfach einen hohen Geldbetrag überweisen. Jetzt wird diese Idee populär. Selbst der Finanzminister will eine solche Maßnahme nicht ausschließen. Was wären die Vorteile einer solchen Aktion?

Beitrag für „Arbeit & Wirtschaft“-Online

Wer vor einigen Wochen Finanzminister Gernot Blümel in der ZiB-2 sah, der traute Augen und Ohren nicht. Erst verkündete der Finanzminister, dass ihm auch ein Budgetdefizit von mehr als fünf Prozent keine schlaflosen Nächte bereiten würde, da lebenserhaltende Maßnahmen für Unternehmen und Arbeitsplätze wohl wichtiger wären; und zum Abschluss wollte er auch den Einsatz eines besonders gewagten ökonomischen Instrumentes nicht ausschließen: „Helikoptergeld.“ In einer Lage wie dieser, so Blümel, könne man zu Maßnahmen greifen, die man noch vor Tagen für undenkbar gehalten hätte, aber „Helikoptergeld“ wäre allenfalls dann sinnvoll, wenn das Virus besiegt sei und die Wirtschaft angekurbelt werden müsse.

Davor hatte schon Donald Trump angekündigt, die US-Regierung oder die US-Notenbank werde demnächst jeder Bürgerin und jedem Bürger rund 1000 Dollar überweisen, und wenn die Krise länger andauere, sogar mehrmals.
Was ist also jetzt „Helikoptergeld“ und warum kam es gerade in den vergangenen Jahren in die Diskussion?
Wenn es tausend Euro regnet… weiterlesen

Das Wichtigste ist, dass wir Geduld haben

Die Regierung spürte wohl eine gewisse Unduldsamkeit in der Bevölkerung, einen Druck von Unternehmen und generell von vielen Menschen, die von Existenzsorgen geplagt sind. Daher wird eine langsame Lockerung der Notstands-Maßnahmen versprochen.

Es gibt keinen exponentionellen, explosionsartigen Anstieg der Covid-19-Fälle mehr, sondern nur mehr einen kleinen, linearen. Ganz genau wissen wir das nicht, aber von der Größenordnung her bedeutet das: Jeder Infizierte steckt wahrscheinlich nur mehr rund einen Menschen an. Können auch mehr sehr, können sogar weniger sein. Nur dürfen wir zweierlei Dinge nicht vergessen: Damit wir die Krankheit wirklich niederringen, müsste dieser Wert deutlich unter eins liegen. Und zweitens: niemand kennt die genauen Zahlen, niemand weiß genau, wie hoch die Ansteckungsrate des Virus wäre, wenn man ihn widerstandslos machen ließe. Und niemand weiß, wie sich die Zahlen in Zukunft entwickeln. Zwar rechnen Mathematiker und Statistiker geniale Modelle, aber ein Virus ist eben auch unberechenbar. Kurzum: Wir sind mit Ungewissheit konfrontiert.

Wie aber geht man vernünftig mit Ungewissheit um? Indem man die schlimmstmögliche Variante annimmt. Das Wichtigste ist, dass wir Geduld haben weiterlesen

Warum sich Österreich bei der Lieferung von Beatmungsgeräten jetzt hinten anstellen muss

Deutschland orderte am 13. März 10.000 Beatmungsgeräte. Österreichs Bundesregierung kannte zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht einmal noch den Bestand.

SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner sagte gestern im „Report“-Interview einen Satz, der mich aufhorchen ließ: „Wir wissen, dass Deutschland am 13. März tausende Beamtungsgeräte bestellte, und wir erst, eine Woche später, der Gesundheitsminister eine Bestandsaufnahme machte.“ Und jetzt müsse man sich eben hinten anstellen, weil es am Weltmarkt Lieferprobleme gibt.

Mich machte das sprachlos. Kann das denn sein? Schon seit spätestens Mitte Februar konnte jeder wissen, was auf uns zukommt; man wusste, dass das Corona-Virus sich bei den schweren Fällen besonders auf die Lunge schlägt und deshalb ein Mangel an Beatmungsgeräten das schlimmstmögliche Szenario ist. Ich kann mich auch noch erinnern, was ich selbst in einer TV-Diskussion Anfang März sagte: „Jeder Politiker tut jetzt gut daran zu bedenken: Niemand wird einem jemals vorwerfen, wenn man eine halbe Milliarde Euro zuviel für Gerätschaft ausgegeben hat, aber wenn man jetzt zu wenig tut, dann wird das vorgeworfen werden.“ Ist es also vorstellbar, dass nicht schon seit Anfang März alle politisch Verantwortlichen alles taten, um potentiell nötige Gerätschaften zu erwerben – noch dazu auf einem Lieferantenmarkt, dessen Angebot mit der Nachfrage nicht mehr Schritt hielt? Wo also klar war, da muss nicht nur schnell agiert werden, sondern man muss alle Möglichkeiten nutzen.

Recherchiert man in öffentlich zugänglichen Quellen die Zeitachse, dann stellt sich die Lage so dar: Deutschland bestellt am 13. März Beatmungsgeräte. „Der deutsche Medizintechnikkonzern Drägerwerk mit Sitz in Lübeck hat von der deutschen Bundesregierung einen Großauftrag zur Lieferung von 10.000 Beatmungsgeräten erhalten.“ (APA, 13.3.2020).

Am 15. März stellt Claudia Reiterer im ORF dem Gesundheitsminister die Frage, ob zusätzliche Beatmungsgeräte bestellt wurden? „Nein, wenn es morgen die Bestandsaufnahme gibt, können wir noch keine bestellt haben, aber selbstverständlich wird das passieren.“ Die Bestandsaufnahme scheint sich gezogen zu haben. Später berichtet der „Spiegel“ in einem Gespräch mit dem Medizingerätehersteller, der auch an die deutsche Bundesregierung liefert. „Vorhin war der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz am Telefon, der benötigt 1000 Beatmungsgeräte, er kann jetzt nur noch 50 bekommen.“ Sebastian Kurz äußert am 30. März, dass schon in rund zwei Wochen Engpässe an den Spitälern auftreten könnten.

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Nun ist es natürlich so, dass das Gesundheitswesen in Österreich sehr föderal organisiert ist, was nicht nur dem Gesundheitsminister formal die Hände bindet – sondern auf der anderen Seite auch Landesbehörden überfordert, die auf eine globale Pandemie oft überhaupt nicht vorbereitet sind. Provinzpolitiker wie in Tirol machen viel falsch, und zwar nicht nur, weil sie am Gängelband der Tourismusindustrie hängen, sondern weil eine Katastrophe dieser Art sie überfordert.

Zentrale Beschaffung gibt es keine, die den Namen verdient. Hinzu kommt, dass die FPÖ-Gesundheitsministerin das Ministerium in Trümmer legte und die Bundesregierung erst im Jänner ins Amt kam – und sich während der Einarbeitungszeit praktisch schon mit der ärgsten Pandemie der vergangenen Jahrzehnte konfrontiert sah. Und vielleicht haben wir ja Glück – so, wie die Kurven gerade verlaufen, könnten wir, wenn wir sehr viel Glück haben, mit den Intensivkapazitäten gerade auskommen.

Aber dennoch: dass offensichtlich der Bundeskanzler nicht schon Anfang März hier zentral zu agieren begonnen hat, die Verantwortlichen der Länder an einen Tisch geholt hat, ist unbegreiflich. Warum hat man von der Regierungsspitze nicht schon darauf gedrängt, einmal die absurden Normen des Föderalismus beiseite zu lassen? Ist ja nicht so, dass man als Bundeskanzler gar kein Gewicht hat und Landesgesundheitspolitiker zu einem Krisenteam zusammen schweißen kann. Deutschlands Föderalismus ist noch viel ausgeprägter, Deutschland hat außerdem in vielen Bereichen eine Woche nach Österreich reagiert, war auch nicht so früh derart massiv betroffen wie wir – und war dennoch schneller damit, die wichtigste Gerätschaft zu ordern.

Klar, durch so eine Krise kommt niemand ohne Fehler. Aber das ist, nach dem Desaster in Tirol, jetzt schon der zweite Fehler, der sich als derart massiv herausstellen kann, dass man sich fragt, wie man den überhaupt begehen kann. Sebastian Kurz ist offensichtlich ziemlich gut darin, Pressekonferenzen zu bestreiten. Aber unter Leadership würde man sich als Bürgerin und Bürger in so einer Situation doch etwas anderes vorstellen.

Wie wollen wir eigentlich nach dieser Krise leben?

Der Druck wird enorm, wieder zur Normalität zurück zu kehren

Nach zwei Wochen Notmaßnahmen ist der Ausnahmezustand langsam zur Normalität geworden. Oder wenigstens zu einer neuen Normalität auf Zeit, in der wir uns einrichten. Und natürlich gibt es dieses „wir“ nicht, denn die Umstände, mit denen wir zurecht kommen müssen, sind sehr unterschiedlich.

Manche arbeiten mehr oder weniger unverändert in der Firma, andere haben jetzt einen Höllenjob, wie Pflegepersonal und Ärztinnen und Ärzte.

Andere sind arbeitslos geworden und wissen nicht mehr, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Oder sie haben ein kleines Unternehmen, haben monatelang keine Umsätze und können kaum einschlafen vor Sorgen.

Manche leiden, weil sie zu fünft in einer kleinen Wohnung sitzen. Andere leiden unter der Einsamkeit.

Dann gibt es auch noch jene, die persönlich – oder deren nahe Angehörige – ein ganz hohes Gesundheitsrisiko haben und diese Menschen haben einfach wirklich Todesangst. Und wieder andere sitzen im Homeoffice oder daheim in Kurzarbeit, sehen gelassen in die Zukunft, und haben vor allem Stress damit, die Kinder bei Laune zu halten oder mit ihnen zu lernen.

Und viele genießen sogar auch ein wenig diese Ruhe und Verlangsamung von Alltag und Leben.

Es fällt vielleicht gar nicht so leicht, das zuzugeben, weil es ja als zynisch und geradezu frivol erscheint, den neuen Umständen etwas abzugewinnen, während so viele andere leiden und manche sogar schwer krank sind und sterben und ganze Landstriche und Metropolen in Italien oder Amerika in einer Katastrophe versinken. Wie wollen wir eigentlich nach dieser Krise leben? weiterlesen

Kontrollverlust

In einer Epidemie lernen wir viel über unsere Mitmenschen – und über uns.

Wir sind im Ausnahmezustand, und zugleich haben wir das Schlimmste erst vor uns. Es ist wie eine Naturkatastrophe in Zeitlupe. Dies führt zu Verunsicherung, fast zu einer komischen Spaltung: Katastrophe und Normalität zugleich. Epidemien und Pandemien, das lehrt die Geschichte, haben zu tiefen Mentalitätsänderungen geführt. Sie halten uns als Individuen und als Gesellschaft einen Spiegel vor. Wie verhalten wir uns in so einer Notsituation? Wer wirft die Nerven weg? Wie geht man mit anderen um, in einer Situation, wo man zugleich primär darauf achten muss, sich selbst zu schützen?

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Die Pandemien haben zu wüsten religiösen Aberglauben geführt, weil Menschen glaubten, die Seuchen seien eine Strafe Gottes. Sie haben auch zu Gemetzel geführt, weil sie dachten, Minderheiten hätten die Seuche eingeschleppt. Sie haben aber auch zu medizinischen Fortschritt geführt, weil bekannt wurde, dass Hygiene gegen die Ausbreitung der Epidemien hilft und dass es medizinische Gegenmaßnahmen gibt. Sie haben auch zu sozialem Fortschritt geführt, weil verstanden wurde, dass man nur dann sicher ist, wenn auch die Schwächsten sicher sind. Auch die Reichsten sind bedroht, wenn die Ärmsten in Zuständen leben, die der Seuche die Ausbreitung leicht macht. In Pandemien merkt man einfach, dass wir als Gesellschaft verbunden sind.

Pandemien ziehen den Vorhang weg.

Auch wir sehen jetzt, dass die Europäische Union in der Krise nicht gut funktioniert. Die einzelnen Nationen bekämpfen die Krise weitgehend auf sich alleine gestellt. Jeder versucht Schutzausrüstung und medizinische Instrumente, wie etwa Beatmungsgeräte, für sein Land zu bekommen, das führt zu Zwist.

Und wir sehen auch, dass wir alle ein wenig in einer Scheinwelt lebten: Wir haben uns daran gewöhnt, zu glauben, dass in modernen Gesellschaften die Dinge unter „Kontrolle“ sind, dass wir „Sicherheit“ haben. Natürlich wussten wir immer, dass uns ein Unglück ereilen kann, aber wir gingen davon aus, dass der moderne Staat und seine Institutionen immer funktionieren werden. Wir sehen jetzt in Italien, dass das ein Trugbild war. Und jetzt fürchten wir alle, dass das auch bei uns passiert.

Das reißt uns unser Sicherheitsgefühl weg. Es ist nicht sicher, ob es jemals wieder zurück kommen wird.

Insider, 26. 3. 2020