„Was ist der europäische Traum, Herr Rifkin?“

Jeremy Rifkin, amerikanischer Polit-Bestsellerautor, über den Aufstieg der leisen Supermacht Europa, das Ende des amerikanischen Traums und dem Triumph der Kooperation über die Konkurrenz. Falter, September 2004

 

Jeremy Rifkin ist einer der originellsten und einflussreichsten Polit-Autoren der Welt. Mit Büchern wie "Das Ende der Arbeit" oder "Access" löste er globale Debatten aus. Rifkin steht der "Foundation on Economic Trends" in Washington vor. Sein neues Buch, in dem er die Geburt des "Europäischen Traums" und die Entstehung einer "leisen Supermacht" feiert, präsentierte er diese Woche auf Einladung des Karl-Renner-Instituts in Wien.

 

Mr. Rifkin, sie verkünden das Ende des "amerikanischen Traums" und prophezeien, dass Europa die Zukunft gehört. Nicht zu viele Leute sowohl in den USA als auch in Europa werden von dieser Vorhersage umstandslos überzeugt sein…

 

Rifkin: Wenn man die Europäer nach dem "amerikanischen Traum" befragt, antworten sie ohne Zeitverlust, fragt man nach dem "europäischen Traum", erntet man nichts als Schweigen. Was ich mit diesem Buch zeigen will, ist, dass sich ein europäischer Traum entwickelt. Was interessant ist, ist, dass der europäische Traum, das was ihm ausmacht, dem amerikanischen Traum fundamental entgegengesetzt ist. Der amerikanische Traum ist tatsächlich das, was uns Amerikaner zusammenhält. Er besagt in Kürze folgendes: Woher Du kommst, ist unwichtig, Du kannst als Individuum Erfolg haben. Meist ist damit materieller Erfolg gemeint. Der Traum war robust. Viele Generationen lang waren die USA eine Aufsteigergesellschaft. Erst mit den siebziger Jahren hat sich das geändert. Die Gesellschaft ist undurchlässiger geworden. Vor 25 Jahren waren wir eines der egalitärsten Länder der industrialisierten Welt, heute sind wir eines der Länder mit der größten Ungleichheit. Und wenn wir über Europa nachdenken, dann denken wir an ein schönes Urlaubziel und ansonsten an wirtschaftliche Ineffizienz, eine alternde Bevölkerung, wuchernde Bürokratien, überbordende Wohlffahrtsstaaten…

 

…das unterscheidet sich nicht von dem Bild, das sich viele Europäer machen…

 

Rifkin: Ja, klar. Darum sage ich auch: Die Europäer meinen, dass die Amerikaner einen Überlegenheitskomplex haben. Was sie aber nicht sehen, ist, dass sie selbst an einen Unterlegenheitskomplex leiden. Ihr Europäer seht Amerika als eine grandiose Erfolgsgeschichte – besonders in wirtschaftlicher Hinsicht -, und Europa als ein gescheitertes Experiment.

 

Ganz so krass ist es vielleicht nicht. Aber für Sie scheint Europa das neue Paradies zu sein. Das ist doch genauso holzschnittartig.

 

Rifkin: Bleiben wir bei den Fakten: Die Europäische Union umfasst 450 Millionen Menschen, aus 25 Ländern. Das ist nicht bloß ein wirtschaftlicher Fakt, sondern ein politisch unerhörter Prozess des Zusammenschlusses. Die EU ist die größte Volkswirtschaft der Welt – um 100 Millarden Dollar stärker als die USA. Die EU ist die größte Exportmacht der Welt. Sie hat den größten internen Markt. 61 der 150 größten Unternehmen kommen aus Europa, aus den USA nur 50. Die wichtigsten Banken kommen aus Europa. Europa dominiert die Luftfahrtsindustrie, die Chemieindustrie, die Versicherungswirtschaft. Klar, die USA dominieren in anderen Bereichen, aber es stimmt einfach nicht, dass Europa es mit den USA nicht aufnehmen kann.

 

Und was hat das mit einem "europäischen Traum" zu tun?

 

Rifkin: Den gibt es, und auch ich habe lange gebraucht, um festzustellen, dass es sich dabei um mehr als nur unterschiedliche Lebensstile handelt. Wir fühlen und denken anders. Wenn wir Amerikaner Freiheit sagen, meinen mir Autonomie und Mobilität. Grundlage für Freiheit ist für uns, von anderen unabhängig zu sein. Du musst auf Dich selbst aufpassen! Das ist die Idee. Geld sichert diese Unabhängigkeit, daraus resultiert der Materialismus, den man uns oft vorwirft. Wenn die Europäer Freiheit sagen, meinen sie eher die Möglichkeiten, die sie haben. Und die Möglichkeiten hängen vom Zugang, den Verbindungen ab, die sie haben. Der amerikanische Traum ist ohne den Protestantismus nicht zu verstehen. Dieser unterstützte den Individualismus, der in einem weiten, kaum bevölkerten Land seine materielle Grundlage hatte. Im alten Amerika war niemand, auf den Du Dich verlassen konntest. In Europa war das ganz anders. In den dicht besiedelten Regionen und Städten wäre die Idee, der Einzelne könne von Anderen gänzlich unabhängig sein, völlig verrückt gewesen. In Amerika war die Anhäufung individuellen Reichtums das Versprechen, während für die Europäer mehr die Lebensqualität zählt. Für Amerikaner ist der Begriff "quality of life" völlig ungebräuchlich. Die Amerikaner halten Bürger- und Eigentumsrechte hoch, die Europäer legen auf soziale Rechte, wie allgemeine Gesundheitsvorsorge, ebensolchen Wert. Amerika ist gläubig, 50 Prozent der Amerikaner glauben an die buchstäbliche Wahrheit der Bibel. Der amerikanische Traum ist patriotisch. Europa ist dagegen sehr säkular geworden, und die Europäer mögen ihre Länder auch lieben, aber ihre Identitäten sind komplexer, von Region, Nation und Europa bestimmt. Der amerikanische Traum ist assimilatorisch, der europäische von Vielheit, von Diversivität bestimmt. Und zuletzt. Die Europäer sind, eine Erfahrung kriegerischer Jahrhunderte, friedliebend geworden.

 

Klingt ziemlich paradiesisch…

 

Rifkin: Ich sage nicht, dass das schon die europäische Realität ist. Es gibt Xenophobie und Antieuropäertum, ich weiss das auch. Aber es ist die Vision des europäischen Einigungsprozesses. Wann immer ich mit Europäern rede, sie sind sich alle einig: Ja, so wünschen wir uns Europa.

 

Ganz so abstoßend kann aber Amerika nicht sein – sonst hätte es nicht diese kulturelle Attraktion und Anziehungskraft.

 

Rifkin: Man muss die Produkte amerikanischer Kultur vom amerikanischen Traum unterscheiden. Und natürlich gibt es Elemente des amerikanischen Traums, die auch Europa aufnehmen sollte – den Optimismus etwa, die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Die Bereitschaft, für etwas einzustehen, nicht die Anderen verantwortlich zu machen. Und in vielen Dingen geht es den Europäern messbar besser, da hilft kein Hollywood: Gesundheitswesen, Sozialfürsorge, allgemeines Schulsystem – in all diesen Bereichen sind die 15 bisherigen EU-Staaten deutlich besser als die USA.

 

Gerade diese Bereiche sind es, von denen viele europäische Politiker sagen: die können wir uns nicht mehr leisten. Und sie sagen auch: Wir müssen amerikanischer werden.

 

Rifkin: Dann sollten sie vielleicht einen Blick auf die Statistiken werfen, bevor sie einen Fehler machen: Bei der Lebenserwartung liegen die bisherigen EU-15 ein Jahr voran. Bei der Kindersterblichkeit liegen die USA weit zurück, die ist nur in ein paar Entwicklungsländern höher. Amerika ist eines der gefährlichsten Länder der Welt. 25 Prozent der Häftlinge dieser Welt sitzen in amerikanischen Gefängnissen. Und dann höre ich, das stimmt zwar, aber wenigstens brummt die US-Wirtschaft. Wir haben den Boom der späten neunziger Jahre auf Pump finanziert und auch die Erholung der Wirtschaft nach der jüngsten Rezession. Deswegen ist hat der Euro auf den Finanzmärkten den Dollar überflügelt: Weil die amerikanische Schuldenpolitik die Märkte beunruhigt. Dafür haben wir in den USA ein paar Mini-Jobs geschaffen. Also, so eine tolle Erfolgsstory ist die US-Wirtschaft auch wieder nicht. All das können Sie haben, wenn Sie dem amerikanischen Modell nacheifern.

 

Reformen des Sozialsstaats wie in Deutschland die Schröderschen Hartz-Gesetze sind also Teufelszeug?

 

Rifkin: Reformen sind notwendig. Aber versucht nicht, alle Vorzüge, die Euch zu einem so lebenswerten Platz in der Welt gemacht haben, wegzuräumen. Europa braucht intelligente Reformen.

 

Heute und in Zukunft zählt Wettbewerb weniger, Kooperation mehr, ist ihre zentrale These: Die Europäische Union, die "leise Supermacht", die einen Mechanismus des Regierens im Netzwerk etablierte, ist für diese Welt der Kooperation bestens gerüstet. Viele in Europa sehen das anders. Das dichte Netz der Institutionen führt dazu, dass niemand wirklich für etwas zuständig ist, dass es endlose Prozesse braucht, bis Europa geschlossen für etwas einsteht. So lange das so ist, werden die USA global dominieren…

 

Rifkin: Ein Außenstehender, der nach Brüssel kommt, fragt sich: Wer hat hier das Sagen? Niemand hat in einem Netzwerk das alleinige Sagen. Das ist es aber, was modern ist an der Europäischen Union. Klar produziert das auch Probleme, daran wird sich mittelfristig nichts ändern. Lösen kann man diese Probleme aber nur mit Europa-Emphase, nicht mit Europa-Skepsis. Grund genug zu Optimismus hat Europa jedenfalls genug.

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