Wider den „Das-geht-nicht-ismus“

Jammert Ihr noch oder rennt Ihr schon für eine progressive Mehrheit? Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz.

Jetzt können wir natürlich darüber diskutieren, ob eine knappe Niederlage bei einer Parlamentswahl schon ein Triumph ist, aber ganz gewiss sind die knapp 41 Prozent, die Jeremy Corbyns Labour-Party erreicht hat, ein Sieg – gemessen an den Ausgangsbedingungen, gemessen an den Erwartungen. Gemessen an allem, was man sich an Bullshit von den sogenannten Politik-Experten vorher anhören musste.

Was mich an dieser Wahlsensation am meisten freut, ist die krachende Niederlage des „Das-geht-nicht-ismus“, dieser letzte große -ismus, der Blödheit unserer Zeit. Dass ein kautziger, bärtiger linker Opa, der nicht mal über den humoristischen Zauber und den Charme von Bernie Sanders verfügt, irgendetwas anderes als ein Debakel einfährt – das geht nicht, wurde uns gebetsmühlenartig gesagt. Übrigens wurde uns vorher ebenso abgeklärt von den „Realisten“ erklärt, dass man mit Bernie Sanders niemals gewinnen könnte, gewinnen könnte man nur mit Leuten wie Hillary Clinton. Tja, jetzt sagen alle Bernie „would have won“. Übrigens: Auch Emmanuel Macron war vor etwas mehr als einem Jahr noch ein fixer „Geht-Nicht“-Kandidat: aus der Regierung ausgestiegen, ohne Apparat, gegen die gesamte französische Politikmaschinerie – war ein klassisches „Geht nicht“. Und ich erinnere mich noch, als ich im Jahr 2004 Nachts mit pochendem Zahnweh wach lag und wegen der Schlaflosigkeit die Convention der US-Demokraten sah. Da sprach ein unbekannter junger Schwarzer, der gerade in Illinois für sein erstes Amt auf Bundesebene kandidierte. Und als ich den hörte, dachte ich mir: Puh, historischer Moment, den Jungen wird man sich merken müssen. Nun ja, noch drei Jahre später hörte man da: Dass ein für US-Verhältnisse sehr linker Schwarzer, der auch noch die Clinton-Maschine gegen sich hat, Präsident werden kann – völlig undenkbar. Super wäre er ja schon, aber leider, leider, unter realpolitischen Gesichtspunkten völlig „unelectable“, „unwählbar“. Hinterher hat er zwei Mal in Folge mit Sensations-Mehrheiten die Präsidentschaft gewonnen. Und wie viele Leute haben vergangenes Jahr bei uns in Ösistan gesagt, dass es völlig undenkbar ist, dass wir mit dem grünen Kandidaten Alexander van der Bellen die Wahl gegen den rechtsradikalen Norbert Hofer noch drehen – und ja, am Ende ging es 54 zu 46 aus.

Dieser Unsinn, dass Dinge niemals gehen können – von denen sich dann hinterher herausstellt, wie spielend leicht sie gehen -, der wird meist von Leuten verzapft, die man skurrilerweise gerne „Realos“ nennt. Eigentlich sollte man sie doch eher Irrealos nennen.

Wir in Österreich haben wie ihr in diesem Jahr Nationalratswahlen. Und schon wieder höre ich aus der sogenannten „Expertenblase“, die ihren Schrebergarten auf twitter hat, dass das leider rechnerisch völlig undenkbar sei, dass eine Mitte-Links-Mehrheit aus Sozialdemokraten, Grünen und den kleinen liberalen Neos diese Wahlen gewinnen könnte. Fünf Monate vor der Wahl! In der Zeit holt Dir Jeremy Corbyn einen 120-Prozent-Rückstand auf! Und das Mitte-Links-Lager liegt in Österreich in Umfragen gerade einmal fünf, sechs, sieben Prozent, höchsten zehn Prozent hinten (je nach Umfrage).

Das Ärgerliche am „Das-geht-nicht-ismus“ ist ja nicht nur, dass er eine selbstlähmende, ewig dauer-depressive Gemütsverfassung ist, sondern dass er die Prozesse, die er scheinbar nur kommentiert, ja auch beeinflusst. Er verbreitet Depression, und verhindert damit den zupackenden Optimismus, der nötig wäre, um gewinnen zu können. Der depressive „Das-geht-nicht-ismus“ glaubt nicht an sich, und daher vertraut er eher auf kleinliche politische Winkelzüge als auf den Schwung, und daher auch nur auf die Winkelzug-Experten und niemals auf die Begeisterung der Menschen (dass sich Menschen überhaupt für etwas begeistern können, ist dem „Das-geht-nicht-ismus“ in Wahrheit völlig unvorstellbar).

Jetzt fragen sich alle, wie der das geschafft hat, der Corbyn. Dabei ist es ganz einfach. Dass er ein kautziger Altlinker ist – hat ihm mehr genützt als geschadet. Sogar bei Nicht-Linken. Selbst jene Leute, die seine Haltungen nicht teilten, wussten: Der Typ ist echt. Er ist authentisch. Er steht zu dem, was er denkt. Das hat heute mindestens so viel Gewicht wie die „Links-Rechts-Achse“. Er hat Mut, zu dem zu stehen, was er sich denkt. Das verbindet auch den Sieg Macrons und den Erfolg Corbyns, so unterschiedlich die beiden Typen politisch sind. Aber auch Macrons Mut, der aus dem etablierten Polit-System ausstieg, wagemutig seine eigene Bewegung gründete, nicht auf irgendwelche „Realo“-Berater hörte, hat am Ende Eindruck gemacht und die Grundlage für seinen Erfolg gelegt: Da ist einer, der wenigstens für etwas steht. Einer, der daher wohl irgendetwas ändern wird.

Nach zehn Jahren des Dauerdebakels für den „Das-geht-nicht-ismus“ sollte man das langsam gelernt haben.

AGORA-Finale mit Ingrid Felipe, Michael Ludwig, Johannes Kopf, Ilkim Erdost, Ulrike Guérot, Stefan Sengl, Stefan Petzner ua.

Seit knapp zwei Wochen läuft jetzt unser kleines Diskurstheater „AGORA“ im Schauspielhaus. Das Setting ist leicht erklärt: Eingerahmt wird der Abend von Diskurs- und Wortgewitter durch das Schauspieler*innentrio Simon Bauer, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff. Dann gibt es einen knappen, knackigen Input, der nie länger als acht Minuten dauert – etwa von Melisa Erkurt, Hans Rauscher, Kenan Güngör. Die Hauptrolle aber spielt das Publikum – die aktive Bürgerinnen- und Bürgerschaft – selbst. Und der Debatte, die durch Beiträge des aktiven Partizipationspublikums entsponnen wird, dienen die anderen Gäste nur als Diener: Sie bringen ihre Expertise ein, helfen mit zusätzlichen Gesichtspunkten. Mit dabei waren bisher Krone-Journalist Claus Pándi, Kulturarbeiter Can Gülcü, Autorin Livia Klingl, Stadtrat Andreas Minnich, Unternehmerin Katia Wagner, Jugendforscher Bernhard Heinzlmeier, Blogger und JVP-Politiker Muamer Becirovic, Neos-Abgeordnete Claudia Gamon oder auch FPÖ-Bürgermeister Andreas Rabl.

Die Kritiken reichten von euphorisch bis vernichtend, so fasste die allerersten etwa der Perlentauer zusammen:

Ziemlich gewitzt findet Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller den von Milo Rau und Robert Misik konzipierten Diskussionsabend „Agora“ im Schauspielhaus Wien: „In der Demokratie entscheiden alle, Wölfe wie Schafe, was es abends zu essen gibt, und es gibt dann immer Schaf.“ In der Presse spottet dagegen Norbert Mayer über diesen „netten, kleinen Treff für Unzufriedene aus Bobostan“. In der Nachtkritik spürte Leopold Lippert ein echtes Interesse, den Standpunkt des anderen zu verstehen.

Im „Freitag“ war zu lesen:

Nicht dass es solche Diskussionsrunden am Theater nicht schon gäbe, man denke nur an die Reihen „Streitraum“ oder „Streit ums Politische“ an der Berliner Schaubühne. Allerdings hat dabei kaum jemand versucht, den Ball so direkt ins Publikum zu spielen. Dumm ist das nicht. Misik hat es im Schauspielhaus vorgemacht. Andere Theater werden mit Sicherheit folgen.

Jetzt geht es langsam in die Endrunde. Noch zweimal, am 13. und am 14. Juni verwandeln wir die Arena des Schauspielhauses in ein Do-it-Yourself-Parlament.

Am Dienstag, 13. 6., spircht Ulrike Guérot den Imput, als Gäste kommen VHS-Direktorin Ilkim Erdost, AMS-Chef Johannes Kopf und Stadtrat Michael Ludwig. Am Mittwoch, 14. 6., sind dann Ingrid Felipe, die Grünen-Chefin, der SPÖ-Wahlkampfmanager Stefan Sengl und andere Gäste mit von der Partie. Und natürlich ich und Stefan Petzner, der als Spin-Doctor an jedem Abend dabei ist.

Würde mich freuen, Euch zu sehen!

Überlasst die Politik nicht den Politikern & den Taktierern

70 Prozent der Wählerinnen und Wähler unter 25 haben für die Labour Party gestimmt, Jeremy Corbyn gelang eine Aufholjagd, die niemand für möglich gehalten hätte. Und möglich gemacht haben es Heerscharen junger Leute, die sich nicht mehr die Zukunft stehlen lassen wollen. So wie in Österreich im Vorjahr, als die Kampagne für Alexander Van der Bellen eine große DIY-(Do-it-yourself-)Kampagne der Zivilgesellschaft war. Wer sagt eigentlich, dass die Zivilgesellschaft nicht auch bei uns dem kommenden Wahlkampf ihren Stempel aufdrücken kann? Gerade weil die SPÖ herumeiert und nicht in die Gänge kommt; gerade deshalb, weil es in unserem etablierten Parteiensystem eben so sein wird, dass es keine klare, prononcierte Gegenkraft zum schwarz-blauen Gruselprogramm geben wird, die an einem Strang zieht. Gerade deshalb ist es notwendig, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und klar zu sagen – und zu fordern –, in welche Richtung das Land gehen soll. Und keiner soll sagen, das geht nicht. Der „Das-geht-nicht-ismus“ ist die schrecklichste Ideologie der Gegenwart – der „Das-geht-nicht-ismus“, die Ideologie derer, die meinen, man könne nicht zu seinen Werten stehen, die immer meinen, es sei unmöglich, Mehrheiten für Gerechtigkeit und Weltoffenheit zu gewinnen. In Wahrheit ist klar: Der „Das-geht-nicht-ismus“ wird immer öfter von der Realität Lügen gestraft. Denn er ist das Glaubensbekenntnis der Irrealos.

Der Hass auf den Konsens

Viel ist von der Polarisierung unserer Gesellschaften die Rede. Genauso oft hört man jedoch, es gebe einen postideologischen Einheitsbrei. Aber wie geht das zusammen? Nun, vielleicht geht das ja auch überhaupt nicht zusammen. Aber es gibt vielleicht einige gesellschaftliche Pathologien, die damit zusammenhängen. Dass sich selbst Leute, die sich im Grunde weitgehend einig sein sollten, dauernd in die Haare geraten: Man ist sich zu 99 Prozent einig und nützt dann das eine Prozent Differenz, um in aggressivste Debatten zu verfallen. Im öffentlichen Gespräch dominiert der Streit, aber nicht die Frage, worüber wir nun eigentlich einer Meinung sein könnten. Konsens ist verschrien. Das Wort Kompromiss wird selten ohne die Beifügung „fauler“ gebraucht. Auch das ist ein Signum unserer Zeit.

Wir Unverletzlichen. Debatten im permanenten Kriegsmodus

Zwei Rücktritte innerhalb von zwei Wochen – und bei allen Unterschieden gibt es eine Gemeinsamkeit: ein Politiker und eine Politikerin, die dem Druck intriganter Parteifreunde und dem Druck der Daueraggression nicht mehr standhalten wollen. Und sofort gibt es eine Reaktion: Die sollen keine Mimöschen sein, das muss man aushalten. If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen. Wer sich ins Feuer der Öffentlichkeit begibt, hat das auszuhalten. Man muss alles aushalten. Und lächeln dazu. Um auch die Botschaft zu senden: Man hält das aus, es macht mir nichts aus. Ich bin nämlich unverletzlich. Ich bin unverwundbar. Das ist das Menschenbild der Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft.

Menschenrechte – eine linke Gutmenschen-Idee

Der Rote Faden, meine Kolumne aus der taz, vom Juni 2017

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie öffentliche Diskurse zum Thema Flüchtlinge, Grenzen, Abschiebungen heute oft ablaufen? Da gilt in einem anwachsenden Mainstream als ausgemacht, dass man Fliehende abhalten muss, europäisches Territorium zu betreten, dass man, wenn sie es doch schaffen, möglichst restriktiv ihre Asylgründe prüfen müsse, und dass, wer hier aus irgendwelchen Gründen keinen Aufenthaltstitel erlangt, abgeschoben werden müsse, wie immer die Lage in seinem Heimatland ist.

So weit, so bekannt. Wenn dann irgendjemand einwendet, dass aber doch die Menschenrechte beachtet werden müssen, dass Leute, die als Jugendliche hier her kamen, sich vielleicht schon integriert haben, doch nicht mit Erreichen des Erwachsenenalters nach Afghanistan abgeschoben werden sollten; dass man da also die Menschenrechte nicht aus den Auge verlieren dürfe, aber auch so etwas wie unnötige Härten vermeiden sollte… Wer also solches einwendet, was vor einigen Jahren noch als Haltung des gesunden, vernünftigen Menschenverstandes gegolten hätte, der oder die muss mit aggressiver Abwehr rechnen.

So von der Art: die blauäugigen Gutmenschen, kommen uns da mit Menschenrechten daher, haben die denn überhaupt keinen Sinn für Pragmatismus und die realpolitischen Notwendigkeiten?

Aber was bedeutet das eigentlich in letzter Konsequenz? Das Konzept, die Idee der Menschenrechte gilt als Gutmenschenkonzept. Das Wort „Menschenrechte“ selbst ist ein rhetorischer Marker geworden, bei dem in Politik und Publizistik mindestens die Hälfte der Protagonisten schon beginnen, die Augen zu verdrehen.

Was heißt: Was vor wenigen Jahren wenigstens noch in Sonntagsreden Konsens war, nämlich dass Menschenrechte gewahrt, verteidigt, befestigt werden müssen, dass die Menschenrechte die Basis des westlichen Wertekanons seien, also das ganze Blabla, das von fast ganz links bis fast ganz rechts ein Common Sense war – das hat sich gewandelt. „Menschenrechte“ – das ist heute ein „linkes Gutmenschenkonzept“.

Muss man in seiner ganzen Konsequenz erst einmal begreifen. Vielleicht ist das ja ohnehin – geistesgeschichtlich gesehen – die Normalität. Menschen- und Bürgerrechte, das war ein republikanischer Kampfruf gegen das konservative Ancien Regime, so vor 150 Jahren, vielleicht bis vor 100 Jahren. Erst nach 1945 war auch der Konservativismus mit dem Konzept der Menschenrechte versöhnt – einerseits als Lehre aus der Nazi-Barbarei, andererseits aber auch und vor allem, weil man mit Menschenrechtsrhetorik die kommunistischen Diktaturen anprangern konnte. So wurde das Konzept der Menschenrechte zu einem Konsens von links bis rechts. Für einen kleinen historischen Augenblick von sechzig Jahren.

Wer heute „Menschenrechte“ sagt, der bekommt dann gleich ein paar andere Worte um die Ohren geworfen: moralischer Zeigefinger und wie die Floskeln alle heißen.

Es ist eine Verschiebung, die mehr eine langsame ist, zugleich Resultat und auch wieder Motor einer schleichenden Verrohung.

Mit Opfern. Menschliche Härten werden in Kauf genommen. Das Kind, das hier aufgewachsen ist, wird, kaum achtzehn Jahre alt, jetzt nach Kabul deportiert? Nun, das ist zwar nicht schön, aber die Regeln sind nun einmal so – das ist die politisch-bürokratische Logik. „Das Volk“ – wer immer das sei – ist nun einmal nicht mehr dazu bereit, weiter übertriebene Humanität zu zeigen. Da muss man streng sein, und auch wenn das im Einzelfall zu Überstrenge führt. Das muss man in Kauf nehmen, denn die Strenge müsse ja auch sichtbar sein, und wie soll die Strenge ostentativ werden, wenn man sie nicht gerade auch dann exekutiert, wenn sie als ungerecht erscheint?

So in etwa wird heute agiert, argumentiert, das ist der Geist der Diskurse.

Für eine Art theatralischer Demokratie-Performance, die ich gerade im Wiener Schauspielhaus auf die Bühne brachte, habe ich mir auch meinen Freund Möstafa Noori eingeladen. Mösti, wie ihn alle nennen, ist als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan vor einigen Jahren nach Wien gekommen, und jetzt ist er Anfang zwanzig und hat es geschafft. Super integriert, super aktiv, super ausgebildet. Aber heute ist das nur mehr schwer zu schaffen, sagt Mösti. „Ich bin die letzte Generation, der man noch vertraut hat“, sagte er. Was für ein trauriger Satz.

Und dann sagte er noch etwas Lustiges: Er ist sehr für die Demokratie, aber das war gar nicht immer so. „Das erste Mal habe ich das Wort Demokratie von George W. Bush gehört. Ich dachte damals, Demokratie hat etwas mit Krieg zu tun.“

Deutsche Ideologie

Mehr Investitionen, weniger Austerity wünscht sich Emanuell Macorn – und hat vom ersten Tag an den versammelten Mainstream gegen sich.

Der Freitag, Mai 2017

Die Fanfaren des Wahlabends waren gerade erst verklungen, Teile der hiesigen Linken waren noch damit beschäftigt, Emanuell Macron als Neoliberalen zu entlarven, da begann sich der wirkliche neoliberale Mainstream in Deutschland sofort auf den neuen französischen Präsidenten einzuschießen. Von FAZ bis SZ wurde der Wahlsieger ermahnt, seines Wirtschaftsprogrammes wegen. Nicht einmal einen Tag der Freude gönnten sich die Adepten der deutschen Ideologie darüber, dass mit Macron ein Sieg der Rechtsradikalen verhindert wurde. Schließlich möchte Macron vom europäischen Austeritätskurs abgehen – wenngleich nur auf äußerst sanfte, ohnehin Merkel-kompatible Weise. Doch sogleich ließ die Kanzlerin verbreiten, sie denke nicht daran, Macron schnell entgegen zu kommen. „Teurer Freund“, titelte dann der „Spiegel“, um die erste Woche abzurunden. Subtext: Der will, dass die Deutschen zahlen. Und Wolfgang Schäuble setzte die vergiftete Botschaft auf gewohnt mephistophelische Weise. Auf die Frage, ob Deutschland den Ideen Macrons zur Veränderung Europas entgegenkommen werde, antwortete der Finanzminister: „Erst mal will Macron Veränderungen in Frankreich… Wir alle wünschen, dass er dabei Erfolg hat.“ Sehr viel fieser kann man das kaum formulieren.

Der herrschende Diskurs in Deutschland ist derart gefangen im Austeritätswahn, dass selbst ein leiser, reformerischer Progressiver wie Macron sofort uralte Reflexe auslöst: die alte Leier von Strukturreformen, Sparen, verantwortungsvoller Finanzpolitik und nur ja keine konjunkturellen Impulse für Europa.

Doch was will Emanuell Macron eigentlich – soweit man das weiß? Linker Poltergeist von der Art Alexis Tsipras ist Macron ja beileibe keiner, auch wenn Yanis Varoufakis zu den eloquentesten linken Fürsprechern des nunmehrigen Präsidenten zählte. Macron ist eine Art entschlossener Realist. Er weiß, was jeder weiß: Dass man die Eurozone mit der Austeritätspolitik nicht aus der Krise bekommt. Er weiß aber auch: Dass man das deutsche Establishment nicht so leicht zu einem Kurswechsel bewegen kann. Weil hier der Neoliberalismus quasi Staatsreligion ist.

Sein „New Deal“ für Europa versucht dem Rechnung zu tragen, und setzt nicht auf einen Konflikt, sondern auf Kompromiss und Vertrauen zur deutschen Führung. Der Deal, knapp formuliert: Länder wie Frankreich führen Arbeitsmarktreformen durch, sanieren ihre Haushalte, aber das geht nur, wenn zugleich investiert wird – denn in der Krise funktioniert das nicht. Dafür müssen die ökonomisch potenten Länder wie Deutschland investieren, um als Wirtschaftslokomotive zu funktionieren. Und die Europäische Union gemeinsam muss stärkere konjunkturelle Impulse setzen können. Dafür braucht es ein gemeinsames Budget, vielleicht sogar einen gemeinsamen Finanzminister, vor allem eine gesamteuropäische makroökonomische Strategie. Deutsche Ideologie weiterlesen

Macron, Le Pen und die dumme Linke

 Der Rote Faden, meine Kolumne in der taz, vom Mai 2017

Macron schlägt Le Pen in der Stichwahl, mit sicherem Abstand – so wollen es uns die Meinungsumfragen vor der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag weis machen. Aber man soll sich da nicht in allzu großer Sicherheit wiegen. In einer Stichwahl werden die Karten neu gemischt, und es ist mindestens genauso gut möglich, dass es noch einmal knapp wird. Dass die Sache dann doch zu so etwas wie einem Kopf-an-Kopf-Rennen wird.

Zumal Marine Le Pen und ihre Verbündeten – die von ihrer Partei, dem Front National bis nach Moskau reichen -, ja durchaus geschickt vorgeht. Da wird jetzt über alle Kommunikationskanäle der Gegenkandidat schlecht gemacht. Dass Macron ein Mann der Eliten, des Systems ist. Ein glattes, neoliberales Innenstadt-Bubi. Ein Banker. Einer von Rothschild. Ein Volksverächter. Einer, der zu rechts ist (in ökonomischen Fragen), einer, der zu links ist (in gesellschaftspolitischen Fragen).

Da ist für jedem etwas dabei. Für die katholische Rechte, oder simpler gesagt, für die traditionsorientierte Landbevölkerung. Für die Linken, die doch nicht einen Banker wählen wollen, einen von den neoliberalen Eliten, ich bitte Euch. Macron, Le Pen und die dumme Linke weiterlesen

AGORA – Das Demokratie-Spektakel im Schauspielhaus!

Ab 29. Mai verwandle ich mit Freundinnen und Supportern das Wiener Schauspielhaus in einen demokratischen Marktplatz. Wir wollen ins Gespräch kommen, und uns fragen: In was für einem Land wollen wir eigentlich leben? Dazu haben wir Theater-Elemente vorbereitet, aber vor allem wollen wir mit IHNEN ins Gespräch kommen. Und außerdem haben wir uns ganz grandiose Input-Redner und Gäste eingeladen. Mit dabei sind: Philipp Blom, Chantal Mouffe, Willi Mernyi, Can Gülcü, Katia Wagner, Melisa Erkurt, Hans Rauscher, Bernhard Heinzlmeier, Muamer Becirovic, Kenan Güngör, Claudia Gamon, Ulrike Guerot, Johannes Kopf, Ingrid Felipe, August Ruhs, Stefan Petzner und vielen anderen mehr.

Termine: 29.5., 31.5, 7.6, 10.-11.6, 13. und 14. 6

Hier ein paar Takte zum Projekt und wie SIE jetzt schon dazu beitragen könne, dass es unvergesslich bleibt:

In was für einem Land wollen wir eigentlich leben?

Demokratiekrise, Aufstieg des Autoritären, Verdruss an Eliten und Establishment. Zerzaust und zerschlissen steht sie da, die Demokratie. Und die öffentlichen Debatten sind polarisiert und zunehmend verdummt.

Leute, wir müssen reden!

Worum es geht:
Demokratie, wie Sie sie noch nie erlebt haben! Und genau das machen wir an sieben Theaterabenden im Schauspielhaus in Kooperation mit den Wiener Festwochen. Es ist eine einfache Frage, um die alles kreist: „In was für einem Land wollen wir leben?“ Denn eigentlich ist das doch die Frage, um die es geht. Die Frage, über die wir ins Gespräch kommen müssen.

Was es gibt:
Robert Misik, Milo Rau und das Team des Schauspielhauses basteln Ihnen einen Abend bei dem wir die Fragen stellen: Wie steht’s um Demokratie? Was ist das eigentlich – Demokratie? Hat die Europäische Union eine Zukunft? Reißt uns die Abstiegsgesellschaft in den Abgrund? Wie kriegen wir das hin: Eine Gesellschaft und eine Welt, in der es sich gut leben lässt? Und wo kommt all der Verdruss her? Aber während des Hauptteils des Abends haben SIE das Wort.

Warum wir SIE brauchen:
Über eine Stunde – oder eine ganze Nacht lang -, verwandelt sich das Schauspielhaus in eine „Agora“. Und SIE kommen zu Wort: Denn wenn die Demokratie die Lösung ist, dann haben SIE die Lösung. Die »Agora« war in der antiken Polis der Mittelpunkt der Stadt und soll nun als soziale Institution lebendiger Staatsbürger-Demokratie auf performative Weise wiederbelebt werden. Politiker, Experten, Politikberater sowie das Ensemble des Schauspielhauses und das Publikum – normale Bürger*innen – kommen zu wichtigen Themen unserer Zeit ins Gespräch. Ist das denn überhaupt noch möglich, dass wir als Gesellschaft miteinander ins Gespräch kommen? Gibt es einen Konsens, ein Gemeinsames, bei allen Polarisierungen? Kontroversen, die ansonsten allenfalls in der Soundbite-Kultur abgehandelt werden und bei denen die Bürger*innen im Normalfall bloß als passives Publikum ins Spiel kommen – oder eben gar nicht ins Spiel kommen, werden auf ernsthafte Weise verhandelt. Leidenschaften dürfen ins Spiel kommen, aber simple Emotionalisierung soll vermieden werden. Wie in einem realen Parlament herrschen klare Regeln der Debatte – ein Eröffnungsredner umreißt zunächst die Fragestellung der Veranstaltung. Das Präsidium wacht über den Stil der Diskussion. Experten präsentieren ihre Positionen und die Bürgerschaft – das Publikum – ist eingeladen, sich mit eigenen Wortbeiträgen zu beteiligen, um die Anwesenden von der eigenen Position zu überzeugen.

Machen SIE schon im Vorfeld mit!
Bereiten Sie sich vor. Legen Sie sich zurecht, was sie sagen wollen. Überlegen Sie sich schon im Vorfeld: In was für einem Land will ich eigentlich leben? Wie soll die Gesellschaft aussehen, in der ich leben möchte? Was muss sich verändern? Natürlich ist Spontaneität erlaubt und äußerst erwünscht, aber wir alle wissen, dass das gar nicht so leicht geht, aus dem Stehgreif zu sagen, was denn eigentlich besser laufen könnte – und wie man das hinbekäme.

Senden SIE Videos ein!
Oder am besten sie produzieren schon im Vorfeld ein Video und senden es an uns. 100 Sekunden zum Thema: In was für einem Land will ich überhaupt leben? Schicken Sie uns die Videos per E-Mail (agora@schauspielhaus.at), Whatsapp (+43 681 84086263), oder sie laden sie auf Youtube hoch, oder auf Facebook und senden uns den Link.
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Robert Misik, geboren 1966 in Wien, arbeitet regelmäßig für die in Deutschland erscheinende taz sowie für die Zeitschriften profil und Falter. Auf der Homepage des Standard betreibt er einen Videoblog. Er ist Sachbuchautor, etwa des Theoriebestsellers »Genial dagegen «. Seit 2002 arbeitet Misik als freier Autor. Zudem engagiert er sich in theoretischen und politischen Debatten. So hat er eine eigene Veranstaltungsreihe am Bruno-Kreisky-Forum für internationalen Dialog, einem Wiener Think-Tank.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgemäßen Dokumentartheaters. Er ist Gründer des »International Insititute of Political Murder«. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die Reenactments »Hate Radio« (2011) und »Breiviks Erklärung « (2012). In den Performances »Zürcher Prozesse« (2013) und »Moskauer Prozesse« (2014) experimentierte er mit interaktiven Theaterformen.

„Der Aufstand der Dummheit“ (Leseprobe)

Gerade rausgekommen: Mein kleines Büchlein „Der Aufstand der Dummheit“. Erschienen in der „Edition a“. 112 Seiten, 16,95.- Euro

 

Inhalt: 

Schwarmdummheit.  – Ein Aufstand der Dummheit? – Trump – Dämon und Clown zugleich – Blödmaschinen – Dummdreist.  – Besser: Ein Aufstand der Vernunft.

Hier ein paar Takte aus dem dritten Kapitel:

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist im Kontext unseres Themas dennoch ein markanter, irritierender Punkt. Nicht so sehr deshalb, weil jemand eine Wahl gewann, der mit simpelsten Botschaften das Publikum umgarnte und sich als Fürsprecher der „regular guys“, also der „normalen Leute“, kostümierte. Das tun Marine Le Pen, Heinz-Christian Strache, Recep Tayyip Erdoğan oder Viktor Orban auf ihre Weise auch. Aber deshalb würde niemand Le Pen, Strache, Erdoğan oder Orban für dumm halten. Im Gegenteil: Sie sind sogar äußerst intelligent und geschickt, entwickeln sie ja eine Rhetorik und eine politische Selbstpositionierung, die es ihnen erlaubt, ihr Wählersegment nach und nach zu erweitern. Sie schüren Ängste, präsentieren sich als Retter in der Not, etablieren einen Diskurs des „Wir“ gegen „Sie“, stellen die Einheimischen gegen die Migranten, aber auch die „normalen Leute“ gegen die Eliten und das Establishment und positionieren sich selbst als diejenigen, die als einzige noch dem „einfachen, kleinen Mann“ zuhören, der sich oft als Vergessener fühlt – und das nicht zu Unrecht.

Was bei Trump aber speziell irritierte, ist die Tatsache, dass er in all dem übertrieb. Mit seinen Lügen, seinen Gaga-Botschaften, mit seiner Gigantomanie, seiner Kommunikation auf Grundschulniveau, seiner durch keine Selbstreflexion angekränkelte Prahlsucht, seine raubeinige Unhöflichkeit, seinen Umgang mit Frauen, seine „Greif ihr an die Muschi“-Skandale, seine Selbstverliebtheit, seine gefährliche Unfähigkeit, komplexe Sachverhalte auch nur zu begreifen. Kurzum: Was hier so verstörte, ist, dass diesmal nicht ein kluger Politiker auf raffinierte Weise eine „Politik der Dummheit“ betrieb – sondern dass hier jemand am Werke war, der selbst auf ostentative, demonstrative Weise dumm zu sein scheint.

Schön sprechen, vernünftig argumentieren, klug abwägen, Fakten würdigen, erst nach Abwägung aller Umstände und möglicher Gesichtspunkte urteilen – all das, was bisher als politisch eigentlich neutrale Leitlinie klugen Handelns erschienen ist, wird aus solcher Perspektive zur Herrschaftstechnik der Eliten

Und einen solchen Mann wählen knapp 63 Millionen Menschen? Obwohl der so dumm ist? Das wollten viele zunächst nicht verstehen. Sind die Leute selbst so dumm, dass sie die Dummheit Trumps nicht einmal merken? Oder sind sie derartig wütend und enttäuscht von der Elitenpolitik, dass sie selbst einen Vollhonk in Kauf nehmen, nur damit der Status Quo ein Ende nimmt? „Der Aufstand der Dummheit“ (Leseprobe) weiterlesen

Arbeite nicht mit Angst – sondern mit Hoffnung

13 Thesen über den neuen Autoritarismus und „demokratischem Populismus“ als Gegenstrategie. Für das Magazin „Weltsichten“.

1. Es gibt eine Demokratiekrise im Westen, die spätestens seit der Wahl von Donald Trump unübersehbar geworden ist. Vor 25 Jahren schien eine solche Demokratiekrise undenkbar. Man erinnere sich nur an Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“. Fukuyama hatte, was die meisten damals missverstanden haben, eine nicht so abwegige Überlegung angestellt: Liberale Demokratie und kapitalistische Marktwirtschaft hätten gesiegt, sodass es keine großen Konflikte um ideengeschichtliche Alternativen mehr gäbe. Kurzum: Die liberale Demokratie sei allgemeiner Konsens.

2. Doch dieser Konsens existiert nicht mehr. Ein neuer Autoritarismus ist im Vormarsch, und er ist gewissermaßen die neue Alternative. Erst wuchs die autoritäre Rechte zur signifikanten Minderheit, ohne Aussicht darauf, echte Mehrheiten zu erkämpfen, doch das hat sich längst verändert. Trump schlug Clinton, auch wenn er knapp nicht die Mehrheit der Stimmen, sondern nur die Mehrheit des Electoral Colleges ergatterte, ein Wahlsieg Marine Le Pens in Frankreich ist zumindest nicht völlig undenkbar, in Österreich hat die FPÖ Chancen, stärkste Partei zu werden, Viktor Orban hat in Ungarn zweifelsfrei Mehrheiten hinter sich und dasselbe gilt auch für Recep Tayyip Erdogan in der Türkei, für die PiS-Regierung in Polen oder auch für das Putin-Regime in Russland.

3. Wir sollten auch nicht vergessen, dass dieser unverhohlene Autoritarismus nicht die einzige Art von autoritärer Versuchung ist, mit der wir im Westen in den vergangenen Jahren konfrontiert waren. Auch der Neoliberalismus hat seine autoritäre Seite. Angela Merkel hat einmal die beredte Formel von der „marktkonformen Demokratie“ gebraucht, die vielkritisiert wurde, aber vor allem wegen der „Alternativlosigkeit“, die Merkels Formel behaupte. Aber in dieser Formel schwingt auch ein autoritäres Element mit: Wenn demokratisch legitimierte Akteure politische Maßnahmen ergreifen, die die Märkte verstören könnten, dann müssen sie schließlich daran gehindert werden. In der Europäischen Union haben wir in den vergangenen Jahren erlebt, wie demokratische gewählte Regierungen ins Eck gedrängt und erpresst wurden. Demokratische Usancen wurden so immer häufiger mit lässiger Nonchalance behandelt, und zudem drängte sich den Bürgerinnen und Bürgern auch noch der Eindruck auf, dass sich die Richtung des Regieren niemals ändere, egal wer bei Wahlen gewinnt. Arbeite nicht mit Angst – sondern mit Hoffnung weiterlesen

Mein Mai: Zwei Bücher & eine Theaterproduktion im Schauspielhaus

Manche Leute halten mich ja für fleißig, und das ist auch nicht ganz falsch, trügt aber manchmal. Der Eindruck entsteht dann gelegentlich, wenn sich die Veröffentlichung von Dingen, an denen man ja ein Jahr arbeitete, in ein paar Wochen zusammendrängt, und die Leute glauben, ich mach das alles in ein, zwei Monaten.

So wie in diesem Mai.

Also mein Mai wird so:

1.

Am 22. Mai erscheint das Buch, an dem ich – gemeinsam mit dem Bundeskanzler, der viele Stunden für Gespräche beisteuerte -, jetzt seit knapp einem Jahr gearbeitet habe.

„Christian Kern – Ein politisches Porträt.“

Das Buch erscheint im Residenz-Verlag.

Voraussichtlich am 30. Mai werden wir – also ich und der Beschriebene – das Buch dann gemeinsam im Kreisky-Forum präsentieren. Wer dabei sein will, bitte so gegen 15. Mai noch mal auf meiner FB-Seite oder gleich auf der Kreisky-Forum-Website vorbei schauen, und sich dort anmelden.

2.

Schon am 8. Mai erscheint ein kleines Büchlein – oder ein größerer Essay, je wie man es nimmt – von mir, in dem ich mich den medialen und politischen Pathologien unserer Zeit widme, den Echoräumen, Erregungsspiralen, den Blödmaschinen und den entsprechenden politischen Resultaten wie der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten.

Titel: „Der Aufstand der Dummheit“

Hier schon mal zur Einstimmung ein paar Zeilen:

Nun ist natürlich gegen Volksnähe nichts einzuwenden, und auch eine gewisse Rücksicht auf die kognitiven Aufnahmefähigkeiten und Konzentrationsspannen des Durchschnittspublikums ist gewiss empfehlenswert, aber dennoch stellt sich die Frage, warum es eigentlich gerade arrogant und herablassend sein soll, auf kluge Weise mit den Menschen zu kommunizieren, was ja schließlich die Annahme voraussetzt, dass auch der Ungebildete, sofern er ein wenig Interesse für die Sache mitbringt, intelligent genug sein wird, ihr zu folgen. Ist das denn wirklich arrogant? Darüber kann man jedenfalls debattieren. Oder genauer gesagt: Es ist eigentlich nicht leicht erklärbar, warum es weniger arrogant sein soll, auf möglichst dumme Weise mit dem Publikum zu kommunizieren, was ja schließlich die gegenteilige Annahme voraussetzt, nämlich dass dieses zu blöde sei, komplexere Argumente auch nur zu verstehen oder sich das Verständnis für diese durch Bildung anzueignen.

Offen gesagt: Eigentlich haben die angeblichen Eliten viel weniger Verachtung für „das Volk“ als dessen selbsternannte Fürsprecher, die glauben, man könne den kleinen Mann mit jedem Trottelargument in Bravo- und Hurra-Stimmung versetzen und verhetzen.

Es ist also kompliziert geworden mit dem Verhältnis von Wissen, Bildung und Demokratie. Wer auch nur den Anschein erweckt, man müsse Argumente begründen, und wer sich dem Verdacht aussetzt, der Meinung zu sein, dass eine gewisse Bildung und ein gewisses Maß an Wissen dafür möglicherweise nicht schlecht wäre, der muss damit rechnen, als hochnäsiger Volksverächter und Anti-Demokrat angesehen zu werden. Als Büttel des Establishments.

Das war jedoch nicht immer so. Eigentlich war es, als das mit der Demokratie anfing und sich langsam durchzusetzen begann, genau andersherum. Damals hielten die herrschenden Mächte die Mehrheit der Menschen mehr oder weniger für unheilbare Toren, weshalb sie ihre undemokratische Herrschaft auch für unabänderlich hielten. Die ersten Spurenelemente der demokratischer Grundhaltungen wurden dagegen durch die Idee der Aufklärung verbreitet, die von nichts weniger ausging als der Überzeugung, dass Menschen durch Bildung und den Gebrauch der Vernunft klüger und urteilsfähiger werden können, und dass, wenn das nur massenhaft genug geschehe, viel bessere und demokratischere Zustände geschaffen werden können.

Der kleine Großessay erscheint in der edition-a.

3.

Und am 29. Mai dann das letzte große Projekt dieser Saison. Im Schauspielhaus inszeniere ich einen theatralisch-realistischen Politabend, dabei hilft mir mein Freund Milo Rau, der gegenwärtig vielleicht grandioseste Theatermacher des deutschsprachigen Raums. Es ist mir eine Ehre und Freude, dass die Wiener Festwochen als Ko-Produzent an Bord sind (macht mich aber auch bissi nervös, bitte, ich bin jetzt Festwochen-Regisseur 🙂 )

Hier mal schon ein paar Takte. Wir wollen den Bühnenraum zum demokratischen Diskursraum machen und letztlich die Frage bereden: „In welchem Land wollen wir eigentlich leben?“

Genaueres sage ich hier noch durch. Hier schon mal ein paar Takte aus der Ankündigung. Wie gesagt, Premiere ist am 29. Mai und bis Mitte Juni werden wir sieben Abende machen.

AGORA

ein Projekt von Robert Misik & Milo Rau
URAUFFÜHRUNG

Realisation: Robert Misik
Konzeptionelle: Mitarbeit Milo Rau

Premiere am 29. Mai 2017 / 20 Uhr

Im Rahmen der Wiener Festwochen 2017

Wie wird Österreich 2030 aussehen? Wer sollen unsere Eliten sein? Wie wollen wir unsere Gesellschaft überhaupt strukturieren? Wie lassen sich die Herausforderungen der weltweiten Migrationsströme bewältigen? Hat die Europäische Union eine Zukunft? Gibt es weiterhin Platz für gesellschaftliche Solidarität? Wollen wir Teil eines supranationalen Europas werden? Wie stoppen wir den Klimawandel? Ist überhaupt die Demokratie die geeignete Staatsform für das 21. Jahrhundert?

Eine willkürliche Auflistung drängender politischer Fragen zeigt, wie sehr unsere Gegenwart nach gesellschaftlichem Austausch verlangt. In Zeiten, in denen die Bindungskräfte von Parteien, Vereinen und sozialen Bewegungen rapide abnehmen, ist das Theater als Ort der politischen Reflektion mehr denn je in der Pflicht. Gemeinsam mit dem Wiener Journalisten und Blogger Robert Misik verwandelt sich das Schauspielhaus in eine »Agora«.

Die »Agora« war in der antiken Polis der Mittelpunkt der Stadt und soll nun als soziale Institution lebendiger Staatsbürger-Demokratie auf performative Weise wiederbelebt werden. Politiker, Experten und Sachverständige sowie das Ensemble des Schauspielhauses und das Publikum – normale Bürger*innen – kommen zu wichtigen Themen unserer Zeit ins Gespräch. Kontroversen, die ansonsten allenfalls in der Soundbite-Kultur abgehandelt werden und bei denen die Bürger*innen im Normalfall bloß als passives Publikum ins Spiel kommen – oder eben gar nicht ins Spiel kommen, werden auf ernsthafte Weise verhandelt. Leidenschaften dürfen ins Spiel kommen, aber simple Emotionalisierung soll vermieden werden.

Wie in einem realen Parlament herrschen klare Regeln der Debatte – ein Eröffnungsredner umreißt zunächst die Fragestellung der Veranstaltung. Das Präsidium wacht über den Stil der Diskussion. Experten präsentieren ihre Positionen und die Zuschauer können Nachfragen stellen und sind eingeladen, sich mit eigenen Wortbeiträgen zu beteiligen, um die Anwesenden von der eigenen Position zu überzeugen. Sind schließlich die Argumente in der Agora ausgetauscht, schreitet man nach dem Vorbild eines Geschworenengerichts zur Abstimmung. Die Regelhaftigkeit bei gleichzeitiger Offenheit des Geschehens und des Ausganges rückt die Veranstaltungen in die Nähe von realistischem, dokumentarischem Theater.

Robert Misik, geboren 1966 in Wien, arbeitet regelmäßig für die in Deutschland erscheinende taz sowie für die Zeitschriften profil und Falter. Auf der Homepage des Standard betreibt er einen Videoblog. Er ist Sachbuchautor, etwa des Theoriebestsellers »Genial dagegen «. Seit 2002 arbeitet Misik als freier Autor. Zudem engagiert er sich in theoretischen und politischen Debatten. So hat er eine eigene Veranstaltungsreihe am Bruno-Kreisky-Forum für internationalen Dialog, einem Wiener Think-Tank.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgemäßen Dokumentartheaters. Er ist Gründer des »International Insititute of Political Murder«. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die Reenactments »Hate Radio« (2011) und »Breiviks Erklärung « (2012). In den Performances »Zürcher Prozesse« (2013) und »Moskauer Prozesse« (2014) experimentierte er mit interaktiven Theaterformen.

PRODUKTIONSTEAM

Autor: Robert Misik, Milo Rau
Regie: Robert Misik
Realisation: Robert Misik
Konzeptionelle Mitarbeit: Milo Rau