Wir gegen sie

Nach den Karikaturenstreit: Wenn identitäre Konflikte nur lange genug beschworen werden, dann gibt es sie irgendwann auch. Anatomie einer Kriegspsychose Falter & Frankfurter Rundschau, Februar 2006

 

Es riecht nach Krieg. Zumindest bekommt man langsam eine Ahnung davon, wie das in früheren Zeiten einmal gewesen sein muss; wie eines das andere ergab. Sich plötzlich gegenüberstanden: Wir gegen sie.

Man kennt das aus den Geschichtsbüchern und aus der großen Literatur: Dass ganze Völker an einen Punkt gelangten, dass sie meinten, ihr „Sein“ stünde auf den Spiel, weil die „seinsmäßig Anderen“ sie bedrohten. Und man weiß auch aus den Geschichtsbüchern, wie sich die Zeitgenossen nur ein paar Jahre später die Augen rieben und sich fragten, wie es so weit hatte kommen können. Wie sie um Formeln rangen, die die Seltsamkeit erklären sollten: das Wort „Kriegspsychose“ fällt dann meist, und die Wendung von der „kollektiven Pathologie“.

 

Es nistet sich wieder ein, nein, es hat sich schon eingenistet: „Wir“ und „sie“. „Wir“ und die Moslems. Oder, andersrum: „Wir“ und der Westen. Es braucht dann nicht viel, bis aus „wir und…“ ein „wir gegen…“ wird. Man kann das gerade in Echtzeit beobachten. Nur dass die neutrale Beobachterperspektive nicht im Angebot ist.

 

Gewiss ist heute alles komplizierter: Migration, Globalisierung, die gegenseitige Durchdringung von Kulturen ziehen zunehmend einen „Zusammenprall von emotionalisierten Öffentlichkeiten auf einer globalen Bühne“ (Gustav Seibt in der Süddeutsche Zeitung) nach sich. Karikaturen in einem dänischen Provinzblatt führen in Gaza und Lahore zu gewalttätigen Demonstrationen. Wenn ein irrer italienischer Lega-Nord-Minister in Rom im Fernsehen auftritt, gibt es in Tripolis Tote. Wenn die Hamas in Palästina Wahlen gewinnt, richten sich auf den Bart- und Djellabaträger im Baumarkt in Wien-Favoriten skeptische Blicke. Antiwestliche Filme, in der Türkei produziert, werden in Berlin-Neuköln zum Kassenschlager und zu Schlagzeilen der Kulturseiten von Ankara bis New York. Bilder, schrieb die Zeit unlängst in einer schönen Wendung, haben „inzwischen die Reichweite von Interkontinentalraketen“.

 

Der Taktschlag der Verstörungen beschleunigt sich rasant. Lagen zwischen 9/11, Afghanistankrieg, dem Irakkrieg, den Anschlägen von Madrid, den Morden an Daniel Pearl oder an Theo van Gogh, den Bomben in der Londoner Tube und den ersten Wortmeldungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadineschad noch wenigstens ein paar Monate, werden die Entspannungsphasen jetzt kurz und selten: Erst der Karikaturenstreit, dann die Erregungen um den türkischen Action-Streifen „Tal der Wölfe“, nun die Schreckensnachricht, dass junge Muslime in der Pariser Banlieu offenbar einen Juden drei Wochen lang gefangen hielten, bestialisch folterten und dann sterben ließen.

 

Das konfrontative Arrangement hat einen Sog, der auch die „Normalen“ auf beiden Seiten verschluckt. Nicht einmal zur Selbstberuhigung kann man sich heute mehr einreden, es ginge um Dschihadismus versus US-Neoimperialismus, also um eine Konstellation, mit der man im Grunde wenig zu tun hat. Im Karikaturenstreit liefen viele muslimische Fromme auf das Feld, das die Extremisten bestellt hatten, und in westlichen linksliberalen Kreisen gehört es längst zum guten Ton, zu bekunden, „wir“ müssten unsere Werte, unsere zivilisatorischen Errungenschaften gegen „sie“ verteidigen.

 

Die Argumente, die vorgebracht werden, gehen die fröhlichsten Mischungen ein. Auf der einen Seite vermengen sich die lange empfunden Demütigungsgefühle der muslimischen Welt im allgemeinen, der als Bürger zweiter Klasse gehaltenen Migrantencommunities im besonderen mit dem antiwestlichen Furor der Fundamentalisten. Auf der anderen Seite der liberale Freiheitsdiskurs von Menschenrechten und Meinungsfreiheit mit dem arroganten Herrenreitergestus westlicher Überlegenheitsrhetorik. Dass die westliche aufgeklärte Toleranz und Liberalität ihre Grenzen haben muss, wenn sie selbst bedroht ist, ist die Losung der Stunde – sie klingt auch gar nicht schlecht, und doch schlägt sich die Liberalität, die zugleich gefeiert und dementiert wird, auffallend mit dem schneidig-martialischen Ton, in dem die Parole vorgebracht wird. Aber vielleicht ist all das nicht einmal seltsam. Vielleicht ist das gerade die Eigenart solcher kollektiver Pathologien, dass die besten Motive an die übelsten Denkarten anschlussfähig werden.

 

Jede Seite hat ihre Wahrheit, und das Unangenehme an ihr ist, dass sie meist nicht einmal falsch ist. „Araber und Muslime werden im Westen gewohnheitsmäßig als grausame, böse, korrupte Kameltreiber porträtiert, die nichts mit der westlichen Zivilisation gemein haben“, schreibt Ayman El-Amir im ägyptischen Wochenblatt al-Ahram-Weekly und proklamiert, dass „die antiarabischen, antimuslimischen Vorurteile Teil der westlichen Kultur geworden“ seien. „Die Masse der Frommen“, dröhnt der Gewaltforscher Wolfgang Sofsky in der Welt wie zur Bestätigung, „will ihrer ungläubigen Todfeinde habhaft werden, will sie schächten und verbrennen. Sie hat den Westen insgesamt im Visier. Die einzige Freiheit, auf welche sie aus ist, ist die Freiheit zum Töten.“ Muslimische Demonstranten nennt er eine „Hetzmasse“. Schon ist in Kreisen amerikanischer Strategieplaner vom „vierten Weltkrieg“ die Rede (der Kalte Krieg wird als dritter verbucht). In der Zeit warnt Jens Jessen den Westen davor, „sich von der Hysterie des Gegners anstecken zu lassen“. Er rät gewissermaßen, von der Front des „Kampfes der Kulturen“ zu desertieren, nur um ein paar Sätze weiter den Westen das „bei weitem überlegene gesellschaftliche System“ zu nennen. Klingt gut – aber kann man einen solchen Satz noch formulieren, ohne sich in diesem Kampf zu positionieren? Oder einer der letzten linksradikalen Intellektuellen, der am Kaffeehaustisch über die rassistischen Stereotype in der allgemeinen Rede über den Islam herzieht und zwei Minuten später fragt, warum eingentlich in der Debatte um den Film „Tal der Wölfe“ die vernünftigste Wortmeldung ausgerechnet von Bayerns Edmund Stoiber kommen musste (der hatte die Kinoketten aufgefordert, den Film nicht weiter zu zeigen). Was ist das alles? Verwirrung? Aber wer ist nicht verwirrt? Es ist schon eher ein Sturm, der im Kopf eines jedem tobt.

 

Die Konstellation wird auf beiden Seiten von den Radikalen bestimmt, doch auch zwischen den Stühlen (ansonsten ja nicht die unbequemste Sitzgelegenheit) sitzt es sich schlecht, wenn liberales Freiheitspathos hart an antiislamische Hetze schrammt – und gleichzeitig mit antirassistischer oder antiimperialistischer Rhetorik nicht selten auch religiös-totalitärer Wahn verniedlicht wird. In den Köpfen der Muslime nistet sich das Ressentiment gegen den Westen ein, wird ein globalisierter Protest-Islam zum identitätsstiftenden Alleinstellungsmerkmal der Underdogs gegen die Herren der Welt. Und in den Köpfen der Westler grassiert der Generalverdacht gegen die Muslime. Man blickt plötzlich anders auf den Türkenbuben im Beserlpark. Der arabischstämmige Journalist Karim el-Gawhary, der viele deutschsprachige Blätter und TV-Stationen beliefert (darunter die Presse, die taz, den ORF) muss sich neuerdings mit decouvrierender Beiläufigkeit fragen lassen, ob er denn eigentlich Muslim sei. Die Welt wird sortiert. Und wie immer ist die Aggression nicht Folge von Größenphantasie und Überlegenheitsgefühlen sondern von Ohnmachts- und Bedrohungsphantasien. Angstlust herrscht auf beiden Seiten. Der Attacke geht die Panikattacke voraus. Der Westen versklave die muslimische Welt, raube sie aus, seine globale Kommerzkultur bedrohe deren kulturelle Identität – dies ist das Generalthema, das sich durch die muslimischen Diskurse zieht. Der frömmlerische „Islamofaschismus“ bedrohe unsere Freiheitskultur, der Patriarchalismus die Frauenrechte, die dschihadistischen Halsabschneider Leib und Leben – so der westliche Diskurs. Kein Gedanke ist zu absurd, um nicht geäußert zu werden. Voll schaudernder Wollust fragt sich der deutsche Dramatiker Botho Strauß im Spiegel etwa, was denn sein werde, wenn der „zur Mehrheit tendierende Anteil der muslimischen Bevölkerung“ demnächst „unsere Toleranz“ nicht mehr brauche – sondern wir die seine? Nebsbei gesagt: 3,9 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung sind Muslime.

 

Wenn sich Identitäten bedroht fühlen, dann hat der Irrsinn seine schönste Zeit. Ist er das nun also, der Kampf der Kulturen, den der US-Politologe Samuel Huntington schon vor 13 Jahren vorhergesagt hat? Es schadet nicht, Huntingtons Essay noch einmal zu lesen. Die großen Weltkulturen, schreibt er, seien die stabilen Elemente des Weltsystems – sie haben lange tradierte, unterschiedliche Auffassungen zu fundamentalen Themen wie Rechte, Freiheiten, Autorität. Aber sie durchdringen sich auch, „denn auf der Welt wird es enger“. Dadurch werden die Unterschiede jedoch nicht nivelliert, gleichzeitig wächst auch „das Bewußtsein der Differenzen“. Die Loyalität zur eigenen Zivilisation verstärkt sich gar, je brüchiger andere Identitäten werden – nationale etwa. Und mit der Hegemonie der westlichen Kultur nimmt das antiwestliche kulturelle Bewußtsein der nicht-westlichen Zivilisationen zu. Die Frage ist jetzt nicht mehr, wie beim alten Klassenkonflikt: „Auf welcher Seite stehst Du?“. Sondern: „Wer bist Du?“ Wenn solche Fragen zentral für die Identitätsstiftung werden, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen „die Verhältnisse in Begriffen von ‚wir’ versus ‚sie’ zu deuten“.

 

Gewiss, der konservative US-Denker tendierte dazu, die Kulturen als fix und unabänderlich die beschreiben, womöglich ersehnte er insgeheim auch eine Rechristianisierung des Westens, mit Sicherheit neigte er dazu, Religion und Tradition als Quellen der Identität von Individuen überzubewerten und er unterschätzte die Universalität von Sehnsüchten nach Freiheit, Wohlstand, Anerkennung. Gerade die Verwandlung des „real existierenden“ Islam, dieses Puzzles aus koranischer Überlieferung und lokaler Lebensarten zu einem vereinheitlichten, puristischen, globalen Protest-Islam brauchte die Aufnahme von Einflüssen der westlichen Kultur, verdoppelte in gewissem Sinn sogar deren Homogenisierungstendenzen. Die meisten muslimischen Menschen, im Westen aber auch in den islamischen Kernländern, leben längst einen Identitätsmix. Die Sekulären ohnehin. Aber auch die Dschihadisten und Salafisten sind heute eine lustige Promenandenmischung aus Mekka und Microsoft. Denn die Re-Islamisierung ist ebenso gewollt, gemacht, also in gewisser Weise „künstlich“, wie die westliche Konsumkultur. Nur: Das ist wichtig für die Erklärung des Phänomens – macht aber Huntingtons Diagnose nicht falsch. Wenn jemand sich nur lange genug einbildet, eine bestimmte Identität zu haben, hat er sie am Ende eben doch. Das ist der Witz, wenn man so will: das Paradoxon, der modernen Identitäten.

 

Und der Witz des identitären Diskurses ist (ein Witz, an dem nichts lustig ist), dass er Menschen unter Absehung ihrer konkreten, individuellen Eigenschaften in einander gegenüberstehende, im besten Falle nebeneinander her lebende Lager treibt. Er trübt den Blick und hat noch in seinen freundlicheren Ausprägungen seine blinden Flecken. So abscheulich die Taten des islamischen Dschihadismus sein mögen, so ratlos einem die Maßlosigkeit muslimischer Frömmler etwa im Falle des Karikaturenstreits zurückläßt, so empörend Institute wie die der Zwangsehe und der Ehrenmorde auch sind – so hat doch die dominante, hegemoniale Kultur eine Bringschuld. Der Westen dementiert, überhaupt eine Kultur zu sein – er behauptet sich als Norm, Kultur haben die anderen, die von der Norm abweichen -, und wenn er von der „Kultur“ der anderen spricht, schwingt das Wort „rückständig“ unterschwellig mit. Kulturen werden als gefährlich identifiziert, aber auch als musealer Wert: Kulturen sind das, worum man Sorge trägt, dass sie nicht aussterben. Man begegnet ihnen mit jener Art von Respekt, die von Herablassung manchmal schwer zu unterscheiden ist. Der westliche Blick ist davon in jedem Moment eingefärbt. Gutwilliger Respekt und wilde Islamophobie sind so gesehen nur verwandte Extreme. Der Multikulturalist hält das Recht der Einwanderercommunities hoch, nach ihrer Tradition zu leben (er würde das auch bei bunt bemalten Ureinwohnern abgelegener Südseeinseln so halten), der militante Liberale fordert, dass „sie“ wie „wir“ werden, er sieht das Bedrohliche der traditionellen Kultur, die etwa jungen Mädchen nicht gestattet, ihren eigenen Weg zu gehen. Beides sind nur Spielarten des identitären Diskurses.

 

Beide Varianten tun wenig dafür, den „Wir-versus-Sie“-Zirkel zu durchbrechen. Identitäre Diskurse haben immer ein Aggressionspotential. „Identity goes to war“, titelt die jüngste Ausgabe des US-Magazins The New Republic, in der der Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen sich dafür stark macht, endlich mehr Bedacht auf die Multiplizität von Identitäten zu legen. Das heißt auch, die eigene Rhetorik darauf zu überprüfen, ob sie dazu beiträgt, eine Konstellation des Kulturkonfliktes zu mildern oder im Gegenteil zu verschärfen. Eine schwierige Aufgabe, eine permanente Gratwanderung, die die Bereitschaft voraussetzt, sich in die Anderen hineinzuversetzen. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Freiheitsrechte verteidigen? Aber ja! Und ohne Kompromisse! Aber immer darauf achten, dass das eigene Tun nicht das Gegenteil von dem bewirkt, was es zu bezwecken vorgibt.

 

Vor allem wohl: Immer schön pessimistisch bleiben! Denn wenn sich zwei kollektive Pathologien gegenüber stehen, dann ist Genesung so schnell nicht zu erhoffen.

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