Heimat – ein intimes, zärtliches Gefühl

Heimatbegriff,  linksgewendet? Das Eigentümliche an „Heimat“ ist die deutliche Dissonanz zwischen dem „Begriff Heimat“, der überladen ist mit Heimattümelei, und dem Heimatgefühl, das etwas ganz anderes ist.

Die Zeit, August 2018

Es begann mit Alexander van der Bellens Wahlkampf und der Notwendigkeit, den Kandidaten als volkstümlich zu präsentieren, um das Wählerpotential zu erweitern und die paar notwendigen zusätzlichen Prozentpunkte zu gewinnen. „Heimat braucht Zusammenhalt“, stand da auf den Plakaten, Bergidylle im Hintergrund. Es dauerte dann nicht lang bis zum ersten bizarren Höhepunkt der Herumgeheimatelei. Im Salzburger Landtagswahlkampf verloren die Grünen die Balance, die der Präsidentschaftwahlkampf noch wahrte. Sie affichierten Plakate mit dem Slogan „Heimat beschützen“, mit lauter blonden Kindern in Lederhosen und Dirndln. Eine Bildsprache, die die NPD nicht schöner hinbekäme.
Es ist all das aber nicht nur eine Thematik für Werbeagenturen und längst nicht bloß ein österreichisches Phänomen. Viel wird plötzlich darüber diskutiert, ob es denn einen „progressiven Heimatbegriff“ brauche. Meist fällt die Frage gleich als Imperativ ins Haus: „Die Linken müssen den Heimatbegriff zurück erobern“.
Auffallend ist, dass meist vom „Begriff Heimat“ die Rede ist, der zurück erobert werden soll, nicht von „der Heimat“. Das scheinen offenbar massiv unterschiedliche Dinge zu sein, die „Heimat“ und der „Begriff Heimat“. Man hat geradezu den Eindruck, dass es bei dem ganzen Herumgeheimate weniger um die Heimat ginge als um den Begriff von ihr.

Das Eigentümliche an Heimat ist die deutliche Dissonanz zwischen Begriff und Gefühl.

Heimat ist zunächst noch am ehestens das, wo ich mich vertraut fühle. Eine Gegend, ein Viertel. Geborgenheit gehört vielleicht dazu. Vertrautheit, die man gern Heimatgefühl nennt. Für die allermeisten Menschen ist das etwas sehr Subjektives, fast Intimes. Zärtliches. Für die einen sind es ein paar Straßenzüge. Oder Kleinstädte. Oder das Dorf, aus dem sie kommen.

Eine der Eigentümlichkeit von Heimatgefühlen: Sie haben viel mit Erinnerungen zu tun. Auch mit Gerüchen, die einem dann an Situationen, Vertrautheiten erinnern. Man denke nur an die legendäre Episode aus Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in der es heißt: „Viele Jahre lang hatte von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen… Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man ‚Madeleine‘ nennt … Und dann mit einem Male war die Erinnerung da.“

Was wir mit Heimat meinen, ist also sehr oft eher eine Zeit, als ein Ort. Manchmal, im besten Fall, eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Erinnerung und Aktualität und ein paar Häuserecken und Straßenzügen. Sie ist nie nur reine Gegenwart, aber nie auch nur reine Vergangenheit, außer in der total verlorenen Heimat. Sie zerrinnt einem auch im Normalfall gewissermaßen in der Hand. Wenn man sie als Kind belebt, ist sie nicht Heimat, weil die Erinnerung fehlt, eher ist sie Zuhause – erinnert man sich ihrer, ist man kein Kind mehr. „Die konkrete Heimat des Kindes ist keine heile Welt, aber nichts repräsentiert heile Welt so sehr wie sie“, schreibt der Philosoph Christoph Türke. Und: „Erst nachträglich, als verspieltes, verlorenes, ist das Paradies Paradies.“
Noch im persönlichsten Heimatgefühl schwingt das Nostalgische und der Verlust mit: die Erinnerung an einen Ort, der sich verändert hat, der möglicherweise völlig seinen Charakter verändert hat, so sehr, dass er in gewisser Weise verschwunden ist. Über den die Zeit hinweg gegangen ist. Aber selbst, wenn der Ort völlig unverändert wäre: wir wären es nicht. Gerade weil Heimatgefühl Vertrautheit und Dauer voraussetzt, sind zumindest wir die Veränderten, über die die Zeit hinweg gegangen ist. Wenn wir Nostalgie nach einem Ort haben, haben wir meist auch eine gegenüber dem Kind, das wir waren. Vielleicht nach der Naivität, die wir früher hatten, oder dem energetischen Beginnergefühl der Jugend. Nach unseren grandiosen Plänen, aus denen dann nichts wurde. Oder der Beschütztheit durch die Eltern. Die Geschwister. Jeder etwas anderes.

Ein anderes Element von Heimatgefühlen ist Zugehörigkeit, die erst Vertrautheit entstehen lässt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe etwa. Die Heimat, die eigentlich keinen Ort braucht. Die Zugehörigkeit in einem Verein, einer Bewegung. Jugendliche brechen aus ihren Familienverbänden aus, aber nicht, um alle Bindungen zu zersetzen, sondern um neue Bindungen herzustellen – in der Clique etwa oder in der Jugendgruppe. Fluidere Heimaten. Entbindung und neue Bindung, Befreiung und Unterwerfung, unter die Konventionen der neuen Gruppe beispielsweise, gehen da Hand in Hand. Insofern gab es natürlich immer in der Geschichte progressive Heimaten, die Sozialdemokratie mit ihrem Vereinswesen, ihrem Netz aus Wohnviertelorganisation, Gewerkschaftsorganisation im Betrieb, mit ihren Freizeitunternehmungen, das Leben im Gemeindebau, sie war insofern eine große Heimatproduktionsmaschine, indem sie Zugehörigkeiten, Vertrautheiten und – wichtig! – Sicherheiten produzierte. Heimat hat man das eher nicht genannt, obwohl sie es natürlich war für viele: Heimat Sozialdemokratie. Aber auch Kommunistische Parteien konnten das gut und andere progressive Bewegungen.

Für andere wieder ist die Kirche mit ihrem Gemeindeleben und ihren sozialen Netz eine Heimat. Wieder anderen reicht gänzlich die „geistige Heimat“, also ein verkopftes Zugehörigkeitsgefühl ohne starke soziale Bande mit echten Menschen.

Wie steht es aber jetzt um den „Heimatbegriff“, den es angeblich zu erobern gelte? Es ist ja ganz offensichtlich, dass nicht alle Heimaten, durch den Heimatbegriff völlig gedeckt sind. Die Straßenzüge in der Metropole, die Gewerkschaftsjugend – ja, sie können Heimaten sein, man kann sie auch Heimaten nennen, aber das Bild, das der Begriff „Heimat“ evoziert, ist ein anderes. Eher Dorf als Stadt, eher Natur als Metropole. Wenn wir Heimatlieder sagen, dann meinen wir nicht unbedingt den Ethnorap, den sie in den Kaschemmen auf der Ottakringer Straße und auch nicht die Arbeiterlieder. Sondern eher das Trachtenjanker-und-Lederhosen-Geschunkle. Wienerlieder, die mindestens hundert Jahre alt sind, gehen vielleicht gerade noch durch.

Etymologisch war Heimat ursprünglich ein emotional belangloser juristischer Begriff, nämlich dafür, in welcher Gemeinde man beheimatet war – denn im 19. Jahrhundert blieb man Bürger oder Bürgerin der Gemeinde, in der man geboren war. Fachbegriff des Meldewesens gewissermaßen. Das Wort in einer ähnlichen Bedeutung wie der heutigen trat da und dort auf, setzte sich aber erst dann allgemein durch, als man „die Heimat“ gegen etwas stellte. Die deutsche Medienwissenschaftlerin Alena Dausacker hat das so formuliert. „Während der industriellen Revolution wurde der Begriff Heimat an Natur gekoppelt, vor allem an die Berge, die mit ihrer Weite und klaren Luft die Antithese zur engen, dampfmaschinenschmutzigen Stadt waren.“ Echtheit der rustikalen Welt gegen die Künstlichkeit der Stadt mit ihren neuen modernen Ideen, den räudigen Straßenzügen, ihrem moralischen Verfall.

Im Heimatbegriff steckt daher von Beginn schon drinnen: das Hergebrachte gegen das Neue, die Tradition gegen die Moderne, das Dorf gegen die Stadt, das Eigene gegen das Fremde, das Reine gegen das Vermischte.
Dann kam aber noch etwas hinzu, und wenn man es recht überlegt, etwas vollkommen Verrücktes: der Heimatsbegriff, der ja, wenn er irgend einen Sinn ergeben soll, an einen konkret erfahrbaren Raum gekoppelt ist, wurde mit der Nation verbunden. Völlig absurd eigentlich, anzunehmen, dass für den Nordseemenschen die Alpen Heimat sein sollen. „Heimat ist subjektives Geborgenheitsempfinden, das mit einem konkreten, erfahrbaren Raum gekoppelt ist. Einem Dorf, einem Straßenzug, einer Landschaft. Keiner nimmt den fucking Nationalstaat als Raum wahr“ (Dausacker). Nur mehr grotesk ist es, ein BUNDES-Ministerium als HEIMAT-Ministerium zu verstehen. Das geht nicht einmal in kleinen Ländern wie Österreich wirklich auf: Für einen Wiener ist Vorarlberg nicht Heimat und umgekehrt. Aus dieser Absurdität folge eine Reihe neuer Absurditäten. Jemand wie Mesut Özil, der gerade darüber hadert, ob Deutschland, wo er geboren ist, je echte Heimat sein wird, hat natürlich überhaupt keine Probleme damit, zu sagen, dass Gelsenkirchen seine Heimat ist – die Straßenzüge seiner Kindheit, für die er ein zärtliches Gefühl hat.

Zurückerobern kann man den Begriff der Heimat schon alleine daher nicht, weil er nie ein progressiver Begriff war. Aber vielleicht kann man ihn mit zusätzlichen Bedeutungen aufladen, das Konzept Heimat mit mehr vom Subjektiven, Intimen von Heimat versehen. Heimat als all das was Nahwelt ist. Womöglich muss als erstes erkämpft werden, was als Heimat zugelassen ist: Stadtviertel, nicht nur Dorf. Kulturraum, nicht nur Natur. Mehr reale Heimaten als kostümierte Fake-Heimaten, zu denen Gabalier und Co. den Soundtrack liefern.

Als politisches Konzept ist der „Begriff Heimat“ toxisch. Das, was für den Einzelnen und die Einzelne ihre je private, intime Heimat ist, wofür sie Heimatgefühle hegen, ist nur beschränkt politisierbar. Der Heimatbegriff dagegen ist massiv politisiert und hat mit den konkreten, kleinteiligen Heimaten meist nicht sehr viel zu tun.

Aber vielleicht ist auch das alles ohnehin eine Kapitulation, und vielleicht gar nicht so sehr vor rechten Heimattümlern, sondern vor der Angst. Denn warum sollte man denn gerade heute die intimen Heimaten hochhalten, die Vertrautheiten, die Nahwelt? Weil die Welt als ganzes außer Kontrolle zu geraten scheint. Der Heimatdiskurs ist so gesehen vielleicht vor allem eine instinktive Gegenreaktion auf die existenzielle Unbehaustheit des modernen Subjektes in einer als Kontrollverlust empfundenen Turbomoderne.
Man kann dieses Bedürfnis gut verstehen. Aber ob all das die richtige Antwort ist?

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