Was heißt eigentlich: „Mit dem Virus leben“?

Eine Inspektion im Phrasensumpf.

Gelegentlich ist zu hören, wir müssten „mit Corona zu leben lernen“. Ich weiß nicht ganz, was darunter zu verstehen ist. Viele, die diese Forderung vortragen, meinen ja, deutlich mehr Menschen müssten an Corona sterben, was ja genau das Gegenteil von leben lernen wäre. Vor allem aber: Wenn wir es genau betrachten, ist es das ja, was wir seit zwei Jahren längst tun – mit dem Virus leben.

„Leben“, heißt, dass wir unseren Alltag genau so gestalten, dass er mit einer grassierenden Seuche vereinbar ist. Wir leben so, dass wir jene Infektionszahlen in Kauf nehmen, die das Gesundheitssystem gerade noch ertragen kann. Manchmal reagieren wir zu langsam, dann wird das Gesundheitssystem überfordert. Wenn es im Sommer warm wird, ist die Sache entspannter. Regelmäßig treten Virus-Mutanten auf, die die Spielregeln verändern. Dann müssen wir unser Verhalten adaptieren. All das ist nichts anderes als mit dem Virus „leben lernen“.

Leider gibt es den bequemen Weg nicht, also das unbelastete, ausgelassene Leben mit dem Virus. Geht man ihn, dann gibt es nämlich nicht nur viele Tote, sondern das Gesundheitssystem bricht zusammen, aber auch die normale Infrastruktur. Wenn 500.000 Leute gleichzeitig krank wären, fehlen die nämlich an allen Ecken und Enden. Wir sehen, wie verletzlich unsere „Normalität“ ist. Sie ist davon abhängig, dass der Postbote kommt, im Gaswerk genügend Leute zur Arbeit erscheinen und beim Billa die Beschäftigten die Nudeln ins Regal schlichten.

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Kurzum: Das, was wir tun, ist mit dem Virus leben. Als Gesellschaft – aber auch auf der höchstpersönlichen Ebene. Wir haben auch gelernt, dass wir ganz gut darin sind, uns in Ausnahmesituationen zu adaptieren. Wir „funktionieren“ dann, auch wenn wir arg belastet sind. Wir lernen aber auch, dass das zwar kurzfristig ganz gut funktioniert, uns aber vielleicht nach zwei Jahren langsam die Puste ausgeht. Dass einen das depressiv machen kann. Und dass wir dann nicht mehr so gut funktionieren.

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