Die absurde Logik der Unmenschlichkeit

Ob bei Flüchtlingen, Armen, Arbeitslosen, Invaliden: Immer heißt es, es wäre irgendwie nützlich, Menschen zu quälen. Leider fallen viele darauf rein.

Sind Sie der Meinung, dass Österreich die Flüchtlinge aus Lesbos aufnehmen soll? Manche von Ihnen wohl ja, aber viele auch eher nein. Jedenfalls sagen das die Umfragen. Sind Sie also der Meinung, man sollte Kinder im Dreck verrotten lassen? Nein, dieser Meinung ist die überwältigende Meinung von Ihnen ganz sicher auch nicht.

Willkommen in der Welt des „Framing“, wie das die Experten nennen. Die Antwort auf eine Frage hängt immer sehr davon ab, wie man die Frage stellt. Und die Antwort hängt sehr davon ab, wie einzelne Begriffe vorher durch Kampagnen in eine bestimmte Richtung gebogen wurden. Deshalb sprechen der Bundeskanzler und der Innenminister ja auch so gerne von „gewaltbereiten Migranten“. Die Bürger und Bürgerinnen, also Sie, sollen nicht mehr an Kinder denken, die bei Regen in einem löchrigen Zelt frieren, sondern an junge Männer, vor denen man Angst haben muss. Falls Sie sich jetzt denken sollten, dass damit Sebastian Kurz und Karl Nehammer versuchen, Sie zu manipulieren und ihr Denken zu steuern, dann darf ich ihnen mitteilen: Klar, das ist ja die Absicht.

Sie sollen nicht Hilfsbereitschaft oder Mitleid verspüren, sondern Angst. Das ist der Zweck der ganzen Sache. Aber natürlich hat diese Manipulation auch ihre Grenzen. Da also nicht ausgeschlossen ist, dass Sie doch so etwas wie Mitgefühl mit frierenden Kindern und das menschlich normale Gefühl der Solidarität entwickeln, haben die Herrschenden seit jeher ein paar weitere Kniffs in ihrem Köfferchen. Die absurde Logik der Unmenschlichkeit weiterlesen

So sind wir nicht!

Wir Österreicher lassen keine Kinder im Dreck verkommen.

Österreich, September 2020

Die Bundesregierung, allen voran der Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenminister Alexander Schallenberg sind also der Meinung, man solle Flüchtlingskinder im Morast von Lesbos verkommen lassen. Und dabei gibt es zwei Seiten dieser Angelegenheit, die man auseinanderhalten sollte. Einerseits geht es dabei um die Kinder. Sie hätten endlich ein sicheres Dach über dem Kopf und könnten wie Kinder aufwachsen. Aber es geht natürlich auch um uns selbst, um die Frage, wer wir sein wollen: Wollen wir Menschen sein, denen das Leid anderer egal ist? Oder wollen wir Menschen sein, die dann, wenn das für uns möglich ist, Leuten helfen, wenn sie das brauchen?

Es geht dabei immer um unser Selbstbild. So sind wir nicht! weiterlesen

Tod in Venedig

David Graeber, Anthropologe, Intellektueller, Anarchist und Revolutionär ist überraschend mit nur 59 Jahren gestorben.

Die Zeit, September 2020

Wenn er mit seinem Gilet daherkam und seiner Ledertasche, ein bisschen die Beine schleifen ließ, den Kopf ein wenig nach vorne gebeugt und dabei immer dieses Lachen im Gesicht, da hatte er etwas von einem älter gewordenen Jungen, der viel jünger wirkte als er war. Und jetzt diese Schocknachricht: David Graeber ist überraschend gestorben, in Venedig. 59 Jahre wurde er alt. Eine Nachricht wie ein Hammerschlag.

Es gibt ja nicht viele Linksradikale, die den Linksradikalismus nicht zur Clownerie verkommen lassen, sondern ernst meinen, und die zugleich zu globalen Superstars und Bestsellerautoren werden. „Anarchist“ nannte er sich – oder wurde er genannt –, aber ob er wirklich einer war, das kann man diskutieren. Er war einfach der Meinung, dass Menschen ein solidarisches Miteinander pflegen und aufeinander achtgeben würden, wenn sie nicht in repressiven Strukturen eingepfercht wären – und er war überzeugt „dass Macht korrumpiert“. Anderen linken Strömungen oder gar Parteien fühlte er sich nicht richtig zugehörig, so war er vielleicht eher ein Anarchist mangels besserer Alternative. Aber so wichtig ist das auch nicht, das sind ja letztlich nur Labels. Tod in Venedig weiterlesen

Der Sommer der Menschlichkeit

Vor fünf Jahren hat sich Österreich von seiner besten Seite gezeigt.

Man hört jetzt von den Fürsprechern der Hartherzigkeit, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Ja, was denn eigentlich? Dass Wiener Familien syrischen Kindern am Westbahnhof Teddybären schenken? Als wären diese Tage, Nächte und Wochen der Hilfsbereitschaft nicht eine der größten Stunden von uns allen gewesen. 

Fünf Jahre ist das jetzt schon wieder her, dass tausende Kriegsflüchtlinge in Ungarn gestrandet waren und dann weiterreisen konnten, vor allem nach Österreich, Deutschland und Schweden. Vor allem die Bahnhöfe wurden Orte der Erstaufnahme, tausende Österreicherinnen und Österreicher haben die Menschen hier mit dem erstmal Nötigsten versorgt. Familien bekamen ein provisorisches Dach über den Kopf und viele unserer Landsleute halfen in ihrer Freizeit. Die einen brachten Hilfsgüter oder stellten einfach Wohnraum zur Verfügung. Freiwillige organisierten Deutschkurse. Rentner und Rentnerinnen halfen den Kindern in der Schule. Seit diesem Sommer der Menschlichkeit haben diese Freiwilligen Großartiges geleistet. Der Sommer der Menschlichkeit weiterlesen

Die Zeit ist überreif

Vier-Tage-Woche – warum nicht? Arbeitszeitverkürzung ist sowieso längst überfällig.

Pamela Rendi-Wagner hat es mit ihrer Forderung nach einer Vier-Tage-Woche tatsächlich geschafft, ein Thema zu setzen. Die Diskussion über Arbeitszeitverkürzung nimmt aber auch in Deutschland Fahrt auf. Auch die IG-Metall, die größte und mächtigste Gewerkschaft der Welt, schlägt eine Vier-Tage-Woche vor.

Man könnte jetzt meinen, diese Forderungen kommen etwas zur Unzeit: viele der arbeitenden Leute, die davon profitieren würden, haben gegenwärtig andere Sorgen. Sie fragen sich, ob sie in drei Monaten überhaupt noch einen Job haben werden. Und Forderungen nach Arbeitszeitverkürzungen setzt man leichter in einem Boom durch als in einer Krise, in der viele Unternehmen ohnehin keine Finanzpolster mehr haben. Wenn die Wirtschaft brummt, haben die Firmen genug Geld, aber jetzt? Die Zeit ist überreif weiterlesen

Geborene Verlierer? Nein!

Bei uns kann es jeder nach Oben schaffen? Theoretisch ja, praktisch naja. Die Lehrerin und Journalistin Melisa Erkurt hat jetzt ein Buch darüber geschrieben, wie Zuwandererkinder unten gehalten werden.

„Österreich“, 19. 8. 2020

Vielleicht kennen Sie das Gefühl, wenn man in Gruppen gerät, und spürt: Man gehört da nicht dazu. Und wenn man spürt, dass das mit Klassenzugehörigkeit zusammenhängt. Wer nicht mit goldenen Löffeln im Mund geboren wurde, der erlebt das gelegentlich – und wenn man richtig Pech hat, erlebt man es ständig. Dass man von Oben herab, etwas herablassend von den vermeintlich besseren Leuten behandelt wird. Arbeiter-, aber auch Bauernkinder haben diese Erfahrung seit Jahrzehnten immer wieder gemacht: dass sie doch nie gut genug sind, weil sie die Bücher nicht kennen, mit denen man in gehobenen Haushalten wie selbstverständlich aufwächst; dass ihre Motivation untergraben wird, weil sie Dialekt oder Straßenslang sprechen und man ihnen klarmacht, dass aus ihnen sowieso nicht viel wird. Es sind diese Nadelstiche, die dazu beitragen, dass sich an Klassenspaltungen nichts ändert. Wessen Selbstbewusstsein dauernd untergraben wird, der wird es erstens eher selten schaffen, sich durchzubeißen und – wenn doch –, dann in aller Regel nie die arrogante Aufgeblasenheit erlangen, die für die gehobenen Kreise so typisch ist. Geborene Verlierer? Nein! weiterlesen

Olaf Scholz, der Revolutionsgewinnler

Ein massiver Paradigmenwechsel findet im Wirtschaftsdenken statt, von jener Art, wie er höchstens einmal pro Generation vorkommt.

Der rote Faden, meine Kolumne in der taz.

„Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was würden Sie denn tun?“ sagte John Maynard Keynes einmal. Viel spricht dafür, dass wir einem tiefgehenden Paradigmenwechsel beiwohnen. „Free Money“ proklamierte der „Economist“ unlängst auf seinem Titelblatt. Und im Innenteil dieses Quasi-Zentralorgans der herrschenden Klassen war zu lesen: „Ein massiver Paradigmenwechsel findet im Wirtschaftsdenken statt, von jener Art, wie er höchstens einmal pro Generation vorkommt.“ Diesmal sei alles anders als nach der Finanzkrise. Damals gab es schnell ein Zurück zu den neoliberalen Konzepten, auch, weil aus der Bankenkrise eine Staatsschuldenkrise wurde und weil daher die Propaganda verfing, der Staat müsse sparen und „unsolide Staaten“ müssten „bestraft“ werden. Post-Corona wird alles anders sein: Die Staaten steuern die Wirtschaft, retten Konjunktur und Arbeitsplätze, während der private Sektor noch lange vor sich hin dümpelt. Aber dank niedriger Zinssätze und einer unbegrenzten Menge an billigem Kredit werden Regierungen mit Investitionsprogrammen für viele Jahre den Takt angeben. Wen müssen Staatsschuldenstände kümmern, wenn die Regierungen die Kredite zu Negativzinsen quasi geschenkt bekommen? Bessere Spitäler, höhere Renten, ordentliche Löhne, gigantische Klimainvestitionen, Wohlstand für die einfachen Leute – alles möglich. Genauer: Alles notwendig. Aufgabe von Premiers und Finanzminister*innen ist nicht mehr, „fiskalische Disziplin“ zu verkörpern, sondern zu verhindern, dass – beispielsweise – die Eurozone in eine chronische Depression versinkt. Das bemerkenswerte an diesem „Economist“-Schwerpunkt war: die konservativen Blattmacher begrüßen diese neue Zeit. Eine Revolution.

Oder, um es mit Olaf Scholz zu sagen: „Wumms.“

Früher bewegten sich Sozis nach rechts, um „wählbar“ zu werden. Olaf Scholz dagegen musste sich markant nach links bewegen, um Spitzenkandidat seiner Partei zu werden und sich die Chance auf das Kanzleramt zu sichern. Aus dem knausrigen Schwarze-Null-Scholz wurde die Zentralfigur des Keynesianismus in Europa. Das allein zeigt, wie sehr sich der Zeitgeist in der Wirtschafts- und Sozialpolitik verschoben hat. Ohne diesen Paradgimenwechsel hätte es Scholz niemals schaffen können, in kurzer Zeit vom geschlagenen Vorsitzaspiranten zum Kanzlerkandidaten zu werden. Denn nur dieser Paradigmenwechsel erlaubte es ihm, sich neu zu positionieren, ohne als Wendehals dazustehen: als Finanzminister, der eine profund sozialdemokratische Wirtschaftspolitik verkörpert. „Never waste a good Crisis“, Scholz hat sich entsprechend dieses alten Politiker-Postulats verhalten.

Die SPD hat Scholz jetzt als ihren Kanzlerkandidaten nominiert, weil er diesen Wandel des Konsenses repräsentiert – und weil sie letztendlich keine realistische Alternative zu ihm hatte. Selten war der Ausgang derart offen: Scholz kann mit der SPD so ziemlich jedes Ergebnis zwischen 15 und 35 Prozent erreichen. Kein Mensch kann Genaueres prognostizieren. Olaf Scholz, der Revolutionsgewinnler weiterlesen

Hör auf zu schreien!

Die Menschen haben die Polarisierung satt und die Unversöhnlichkeit. Gesprächsfähigkeit über Meinungsunterschiede hinweg ist ein Grundwert der Demokratie.

Die Bürger und Bürgerinnen sind in einem Klima der Polarisierung über wenig einer Meinung – außer darüber, dass ihnen die Polarisierung auf die Nerven geht. Das ergab unlängst eine groß angelegte Studie der deutschen „Friedrich-Ebert-Stiftung“. Eigentlich wollten die Forscher*innen herausfinden, ob es nicht auch bei den polarisierenden Themen wenigstens ein paar Haltungen gibt, die Konsens sind und die daher Ausgangspunkt vernünftiger Gespräche sein können. Aber dann ist man draufgekommen, dass die beteiligten Bürger und Bürgerinnen nur über eines einen Konsens finden können: dass sie die Unversöhnlichkeit satt haben. Das ist das einzige was sie eint. Ansonsten sind sie „polarisiert“. Wobei: Wenn Menschen einmal ins Gespräch kommen, dann können sie den Argumenten der Gegenseite etwas abgewinnen, weil sie es müssen. Sie müssen den Argumenten zuhören, sie müssen sachlich antworten. Hör auf zu schreien! weiterlesen

Mühen des Corona-Alltags

Wieder ein wenig Normalität leben und zugleich die Pandemie im Griff halten – das ist offenbar viel schwieriger als ein Shutdown.

Vor drei, vier Monaten saßen wir im Shutdown. Die allermeisten von uns reduzierten ihre sozialen Kontakte auf das Minimum, hockten weitgehend zu Hause, allenfalls machte man Ausflüge ins Grüne. Über eine Million Menschen hatten ihre Arbeit – vorübergehend – völlig eingestellt, mindestens so viele werkten vom Home-Office aus. Es war der absolute Einbruch des Ausnahmezustandes in unser Leben, das Außerordentliche hebelte das Gewohnte aus. Und dennoch dämmert uns langsam, dass das vielleicht noch die einfachere Zeit war. Sechs Wochen das Leben völlig umkrempeln – das ist gar nicht so schwer. Es monatelang in hohem Maße umkrempeln – das ist viel, viel schwerer.

„Sind wir zu leichtsinnig?“, titelte am Wochenende der „Spiegel“, der Wiener „Standard“ hatte die beinahe gleichlautende Schlagzeile und in den meisten anderen Zeitungen kann man – zwar nicht Wortgleiches –, aber in der Sache Ähnliches lesen. Botschaft: Wir sind zu lässig geworden.

Das Problem besteht einfach darin: Man kann den absoluten Ausnahmezustand nicht ewig aufrechterhalten – und zugleich können wir nicht zur alten Normalität zurückkehren. Mühen des Corona-Alltags weiterlesen

Zeit für mehr Solidarität

Was ist eigentlich gemeint, wenn beklagt wird: das Gemeinsame ist verloren gegangen?

Vorwärts, Juli 2020

„Es ist Zeit für mehr Solidarität“, ist oft zu hören, und öfter noch: „Solidarität ist verloren gegangen.“ Letzteres kommt gerne als Klage daher, ersteres als trotzige Forderung. Es ist ein Urteil, das aus den Erlebenswelten vieler Menschen kommt, und deswegen vielleicht auch nicht immer völlig präzise ist: dass das Gemeinsame verloren gegangen sei, dass man sich auf Zusammenhalt nicht mehr verlassen könne. Diagnose einer gesellschaftlichen Verwüstung, dass jeder nur mehr Einzelkämpfer sei. „Ich kümmere mich nur mehr um mich selbst“, die häufig gehörte Formel ist Ausdruck eines demoralisierten Individualismus, der nichts Stolzes oder Kraftvolles hat.

Aber was sind die Gründe dafür?

Da ist zunächst einmal der soziale Wandel, der Lebenswelten unterspülte: die industriellen Großbetriebe, mit ihren hunderten und tausenden von Arbeitern und Angestellten, die sich automatisch als „Ähnliche“ erlebten. Die Stadtviertel und Vororte, in denen „Ähnliche“ zusammen lebten. Das instinktive Gefühl des Gemeinsamen. Heterogenität von Lebensvollzügen untergräbt diese Form von Solidarität.

Zeitgleich vollzieht sich seit dreißig, vierzig Jahren ein permanenter Strukturwandel der Arbeitswelt, der nicht nur zu den bekannten Strukturkrisen einzelner Branchen führt, sondern zu permanenten Rationalisierungsdruck in allen Branchen. In den Unternehmen wurden die Beschäftigten zu „Einzelkämpfern“, von denen „jeder hoffte, irgendwie ungeschoren davonzukommen“ (so der Wirtschaftshistoriker Lutz Raphael), was praktisch überall mit einem „Verlust innerbetrieblicher Solidarität“ einher geht.

Aber die Norm der Solidarität wäre nicht so aus der Mode gekommen, hätte man das den Subjekten nicht auch schmackhaft gemacht: durch den Aufstieg der Idee des Individualismus, der Vorstellung, dass jeder ein unverwechselbares Individuum sei, das seine besonderen Talente, sein unverwechselbares Ich zu entwickeln habe. Jene Idee der „Singularität“, die Andreas Reckwitz so packend analysierte, und hinter die es natürlich kein Zurück mehr gibt. Historische Prozesse sind immer voller Paradoxien, und just die Sicherheiten des Sozialstaates erlaubten, sich aus dem Nahbereich abzunabeln. „Der Wohlfahrtsstaat ist ein mächtiger Faktor des Individualismus“ (Marcel Gauchet).

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Aber in der atomisierten Ego-Gesellschaft, in der es viel Konkurrenz gegeneinander, aber wenig Sicherheiten von Gemeinschaft gibt, schlägt all das um in eine gesellschaftliche Pathologie und lässt die Sehnsucht, das Begehren nach Solidarität wieder erwachen.

Aber welche Solidarität wird nun ersehnt? Denn was Solidarität sei, ist gar nicht so klar. Sie war einmal ein Kampfbegriff, die Idee von der Stärke der Schwachen, die darin liegt, dass sie zusammen halten. Man hilft sich wechselseitig, aber nur halb aus Altruismus, zur anderen Hälfte aus wohlverstandenen Eigeninteresse. Vom Kampfbegriff wurde sie aber auch zu einem Daseinsbegriff, wie etwa in den lebensweltlichen Banden sozialdemokratischen Vereinswesens (Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee). Institutionelle Solidarität, wie sie etwa die Einrichtungen des Sozialstaats etablieren, ist wieder etwas anderes. Man leistet seine Beiträge, weil man weiß, dass man selbst in eine Lage kommen kann, wo man Leistungen in Anspruch nehmen muss oder weil man weiß, dass man auch persönlich von einem wohlgeordneten Gemeinwesen profitiert. Institutionelle Solidarität ist eine Solidarität mit Unbekannten. Umkämpft ist daher auch immer, wer zur Solidargemeinschaft dazu gehört. Die ganze Welt? Alle im Land? Nur die, die man als „unsere Leute“ ansieht?

Was heute ersehnt wird, ist eine lebensweltliche, existenzielle Sicherheit, dass der Boden unter den Füßen nicht permanent wackelig ist; dass der Stress der endemischen Konkurrenz aus dem Leben verschwindet; aber auch ein Zusammenhalt in Gemeinschaften, etwas weniger Gereiztheit, und Räume der Vertrautheit. Es gibt auch ein Leiden an der Vereinzelung und das Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen. Es sind recht diffuse Bedürfnisse, die sich in dem Satz verdichten: „Zeit für mehr Solidarität.“

Rettet die Künstler, Tüftler und Spinner!

Clubs sind Brutstätten der Innovation, wichtig für die Freizeitkultur, sie machen Städte spannend. Sie dürfen nicht untergehen.

„Österreich“, 30. August 2020

Was Künstler und Künstlerinnen so genau tun, weiß man ja nicht immer, gerade dann, wenn sie innovativ und experimentell arbeiten. Hinzu kommt, dass die Kulturszenen nicht nur was die Künstler angeht, sondern auch was das Publikum betrifft, sehr heterogen sind: die einen gehen gerne ins Kabarett und in die Comedy, die anderen hören gerne Schlager, wieder andere bevorzugen die großen Staatstheater, andere wieder die experimentellen Innovationsbühnen, der nächste die Oper, die übernächste liebt Techno-Clubs mit hämmernden Bässen. Eine endlose Reihe.

Es gibt darüber hinaus ja auch genügend Leute, die Künstler irgendwie unnötig finden – oder zumindest jene Künstler, deren Produktionen man eher selten aufsucht. Und ganz generell haben fast alle von uns so Vorstellungen von der „echten Arbeit“ im Kopf, die unseren Wohlstand schafft (die in Fabriken, am Bau, im Büro, in den Supermärkten erledigt wird). Die Kultur wird dann so etwa wie der Schlagobersgupf auf der Melange gesehen – nett, aber nicht wirklich wichtig.

Aber täuschen wir uns da nicht. Die Kunst und Kultur schafft Werte und Einkommen, macht Städte attraktiv, ohne sie stünde der Tourismus schlechter da. Auch wichtige Industrien brauchen den Input experimenteller Künstler, man denke nur an die Mode, die Elektronik, die Medien oder die Filmindustrie. Kunstszenen sind so etwas wie Brutplätze, an denen Tüftler irgend etwas tun, was ausstrahlt. Junge Leute üben hier oft Fähigkeiten ein, die sie später im Berufsleben unverzichtbar machen.

Corona hat diese Kunstszenen aber sehr hart und manche brutal hart getroffen, etwa Diskotheken und die gesamte Club-Kultur. Dass es in den neunziger Jahren eine vibrierende Elektro- und DJ-Szene in Wien gab, haben viele gar nicht mitgekriegt, hat die Stadt aber attraktiv für viele junge Leute aus ganz Europa gemacht. Dass wir mit Metropolen wie Berlin an vibrierender Innovationskraft mithalten können, hängt damit zusammen. Rettet die Künstler, Tüftler und Spinner! weiterlesen

Baut neue Denkmäler

der rote faden, meine Kolumne aus der taz. Juli 2020

In Bristol haben sie im Zuge der Blacklivesmatter-Bewegungen ja nicht nur das Denkmal des reichen Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert umgestürzt und ins Meer geworfen, vergangene Woche legte der Künstler Marc Quinn noch einmal nach, formte aus Bronze eine Skulptur der schwarzen Aktivistin Jean Reid, die am Denkmalsturz beteiligt war, und setze die Figur in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf den leeren Sockel. Ein Heldinnendenkmal, wie man es heute nicht mehr bauen würde – Blick in den Himmel, Faust nach oben geballt, viel Street-Credibility, eine Prise Sexyness –, und das vielleicht auch ein wenig ironisch zwinkert.

Diese Denkmaldebatten – und die Intervention des Künstlers ist Teil davon – werfen viel mehr Fragen auf als man denkt. Baut neue Denkmäler weiterlesen