Die Dauerkrise des Wettbewerbs-Europas

Das Brexit-Votum vor drei Jahren war Ausdruck einer tiefen Enttäuschung der Bürger über die Europäische Union. Jetzt gibt es wieder etwas mehr Zustimmung. Aber die täuscht.

Die Zeit, 13. 9. 2019

Ein egozentrischer Premier, der sich zu einem harten Brexit durchtricksen will, vorzeitige Neuwahlen vom Zaun bricht, das Parlament in eine Zwangspause schickt; ein Parlament, das gerade noch ein Gesetz durchboxt, das einen harten Brexit verbietet; ein linker Labour-Oppositionsführer, der seit Jahren nur taktiert und hofft, irgendwie Neuwahlen gewinnen zu können; ein Austritts-Datum, von dem kein Mensch weiß, ob es halten wird. Großbritannien trudelt ins politische Chaos und segelt durch ein verfassungsrechtlich-institutionelles Nirvana. Nicht einmal obsessive Politjunkies sehen bei der Abfolge immer neuer Twists noch durch, und noch viel weniger ist vorhersehbar, welche Überraschungen um die nächsten Ecken warten können.

Aber bei all dem sollte man auch nicht vergessen, was uns vor drei Jahren überhaupt in diese Situation gebracht hat. Klar, die Briten waren immer besonders euroskeptisch, das gehört zur politischen Kultur dieser insularen Gesellschaft und ihrer Idee von „Britishness“. Aber zum Austritt konnte es nur kommen, weil diese antieuropäische Stimmung einen Kipppunkt überschritt. Und das war – und ist – bei weitem keine britische Sache allein.

Dass alles einfach nur so weiter geht, holpernd und scheppernd, ist in einer solchen Lage noch das Beste, was man erhoffen kann.

Vor fünfzehn, zwanzig Jahren war die Europäische Union noch allgemein ein Wohlstandsversprechen. Das sicherte ihr Legitimation. Übertragung von Souveränitätsrechten an eine supranationale Gemeinschaft neuen Typs, das ließ sich auch vor den nicht automatisch davon Begeisterten rechtfertigen, wenn damit mehr Wohlfahrt, mehr Prosperität verbunden ist und mehr Chancen für alle. Kurz gesagt: Wenn die Einkommen steigen, die Produkte günstiger werden und die Kinder überall studieren und arbeiten können – ja, warum wollte man dann dagegen sein? Die Dauerkrise des Wettbewerbs-Europas weiterlesen

Wettlauf der Opfer

Sebastian Kurz hat der FPÖ erst ihr Programm weggenommen, dann ihre Slogans und jetzt sogar die lange kultivierte Opferrolle. Reicht das, damit er Kanzler bleibt?

Etwas mehr als zwei Wochen sind es noch bis zu den vorgezogenen österreichischen Nationalratswahlen, die nach dem Bekanntwerden des Skandalvideos von Ibiza notwendig wurden. Zur Erinnerung: Bis dahin regierte eine Rechts-Ultrarechts-Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz und der FPÖ von Heinz-Christian Strache. Strache und sein Fraktionschef Johann Gudenus hatten in Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte versprochen, ihr Aufträge zuzuschanzen, wenn sie die Auflagenstarke „Kronen-Zeitung“ kaufe.

Strache trat daraufhin zurück, Sebastian Kurz löste die Koalition auf und wurde kurz danach selbst durch ein Mißtrauensvotum aus dem Kanzleramt gewählt. Seither regiert eine Übergangsregierung aus hohen Beamten. In den Umfragen liegt die konservative Volkspartei von Sebastian Kurz weit in Führung (31-36 Prozent), die Sozialdemokratie abgeschlagen (20-23 Prozent), die FPÖ erstaunlich stabil (19-21 Prozent), die Grünen schaffen mit 10-13 Prozent fix den Wiedereinzug und die liberalen Neos können auf bis zu 10 Prozent kommen. Das sind die wichtigsten Fragen, die sich im Zusammenhang mit den Nationalratswahlen stellen: Wettlauf der Opfer weiterlesen

Schlammschlacht im türkis-blauen Sumpf

Die Kurz-Partie steckt im Finanzdesaster, täglich kommen neue Ungeheuerlichkeiten ans Licht. Die FPÖ wiederum muss hoffen, dass ihr beim Parteitag der Laden nicht um die Ohren fliegt, denn die Strache-Anhänger sind wütend ob der Treulosigkeit von Hofer & Co.

Können Sie sich noch an den „Fall Silberstein“ erinnern? Ich wette, Sie können das nicht. Gewiss, wann immer sie irgendein selbst verschuldetes Problem haben, wettern die Türkisen gegen irgendwelche „Silberstein-Methoden“, so dass sich bei den meisten Menschen eingeprägt hat, dass der Silberstein irgendwas Böses getan haben muss im letzten Wahlkampf. Zur Erinnerung: Silberstein hat mit drei, vier Leuten zwei Facebookseiten betrieben, auf denen die Konkurrenz schlecht gemacht wurde. Völlig hirnlos, da diese Facebookseiten auch kaum jemand gesehen hat. Dass all das völlig wirkungslos war, macht Silberstein natürlich nicht sympathischer. Es war die blödeste Idee von Christian Kern, diesem windigen Kerl einen Auftrag zu geben. Aber Silberstein hat nicht der ÖVP, sondern der SPÖ geschadet. Und zwar deshalb, weil jemand den gesamten Mailverkehr der SPÖ mit Silberstein in dunkle Kanäle geleitet hat, aus denen dann die Daten stapelweise an die Medien gingen. Das hatte viel mehr Wirkung als irgendwelche Facebook-Seiten.

Parteien, bei denen es nicht rund läuft haben oft Lecks, aus denen Interna in alle Richtungen dringen. Im aktuellen Wahlkampf wird immer deutlicher, dass es in der ÖVP Leute gibt, die offenbar verdammt sauer auf Sebastian Kurz sind. Es begann damit, dass die geheime Spenderliste der ÖVP (das Who-is-Who an heimischen Milliardären) an den „Standard“ gespielt wurde – und zwar die Spenden 2018 und 2019, also sehr aktuelle Daten. Und nun erhielt der „Falter“ offenbar die hochaktuelle Wahlkampf-Finanzplanung der ÖVP, aus der hervor geht, dass die Partei wieder bei der Budgetplanung trickst – und mit Vorsatz. Ob das kriminell ist oder ob diese schwindligen Buchungen gerade noch im Rahmen der Legalität sind, ist zur Zeit unklar.

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Die ÖVP behauptet, sie wurde gehackt. Kann man glauben, wenn man sehr gutgläubig ist. Schlammschlacht im türkis-blauen Sumpf weiterlesen

Österreichischer Museumspreis 2019 für das Museum Arbeitswelt in Steyr

Sie erinnern sich vielleicht ja noch daran: Im Museum Arbeitswelt in Steyr konzipierte ich gemeinsam mit Harald Welzer und dem großartigen Team des Hauses die neue Daueraustellung „Arbeit ist unsichtbar“. Der Reader zur Ausstellung erschien im Picus-Verlag und schaffte es damals sogar unter die Top-10 der deutschen Sachbuch-Bestenliste.

Nun kam eine noch größere Auszeichnung hinzu. Das Museum wird mit dem Österreichischen Museumspreis 2019 ausgezeichnet. Wegen der über 30jährigen Geschichte des Hauses, wegen der aktuellen Dauerausstellung und wegen der Rolle, die das MAW als regionales Zentrum der Begegnung, der politischen Bildung und des gesellschaftlichen Engagements spielt.

Ich freue mich sehr für die Kolleginnen und Kollegen und natürlich auch ein wenig für mich selbst, offensichtlich ist uns mit der neuen Dauerausstellung etwas gelungen, was Anerkennung findet.

Wenn Selbstliebe blind macht

Der Groschenroman über das türkise Wunderbaby sagt mehr über den Porträtierten aus, als man glaubt: Sebastian Kurz muss von geradezu entrückter Eitelkeit sein. Und es gibt um ihn herum offenbar niemanden mehr, der es wagt, dem Chef zu widersprechen.

Sebastian Kurz, Opferlamm vom Dienst, ist schier von Pech verfolgt: Erst Ibiza-Opfer, dann Opfer hinterlistiger Misstrauens-Abstimmer, dann E-Mail-Opfer, zuletzt angebliches Hacker-Opfer und nun auch noch Opfer einer Biografin, die sich an den Kanzler heran machte, sein Vertrauen erschlich und einen peinlich-schwülstigen Groschenroman über ihn schrieb.

Heinz-Christian Strache fiel auf eine Schauspielerin herein, die sich als Oligarchennichte ausgab. Sebastian Kurz auf eine Hobby-Schreiberin, die sich als Autorin ausgab.

Stellt sich nur die Frage, wie man so vom Pech verfolgt sein kann. Zumal eine kleine Google-Recherche schon ausgereicht hätte, um jedem klar zu machen: Nur Finger weg von dieser Frau, deren Social-Media-Verhalten schon, nunja, eigenwillig ist, und deren Webpage von Angebereien zum Fremdschämen nur so strotzt. So gibt sie sich als ehemalige „Managing-Editor“ von „profil“ aus. Blöd nur, dass bei „profil“ noch nie jemand von ihr gehört hat.

Heinz-Christian Strache fiel auf eine Schauspielerin herein, die sich als Oligarchennichte ausgab. Sebastian Kurz auf eine Hobby-Schreiberin, die sich als Autorin ausgab.

Womöglich verrät die Tatsache, dass Kurz auf eine solche Hochstaplerin hereinfallen konnte, mehr über das „System Kurz“ als man zunächst glauben würde. Da ist einmal die Eitelkeit. Wir können davon ausgehen, dass die Hagiografin Sebastian Kurz ausreichend gebauchpinselt hat, ihm schöne Augen machte und ihm stets spiegelte, wie toll sie ihn finde. Liebe macht ja nicht nur insofern blind, als der Verliebte blind für die Schwächen des Angebeteten ist. Es funktioniert auch umgekehrt: Der Angebetete, der sich geschmeichelt fühlt, wird blind für die Eigenartigkeit der Verehrerin. Weil er sich ja selbst so sieht wie die Person, die ihn anhimmelt – oder sich gerne so sehen mag. Da blendet man dann gerne aus, dass das Gegenüber irgendwie „Dings“ ist. So wie wenn man sich mit viel Wodka-Red-Bull um vier Uhr Morgens das Gegenüber schön säuft, wenn grad kein anderes zur Hand ist.

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In einer funktionierenden Partei mit Fehlervermeidungskultur müsste es freilich auch noch Kontrollmechanismen geben – oder einfach Leute – die den Anführer in so einer Situation warnen. Ihn auf den Boden der Realität zurück holen. Ganz offensichtlich gibt es solche Leute rund um Sebastian Kurz nicht mehr. Ist es wirklich so, dass sich das System Kurz schon nach weniger als zwei Jahren an der Regierungsspitze durch einen eingebunkerten Anführer auszeichnet, der sich nur mehr mit Ja-Sagern umgibt, die es nicht mehr wagen, den Chef zu warnen und ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Es spricht vieles dafür.

Insofern, aber nur insofern, sagt uns die lächerliche Kim-Jung-Kurz-Biografie vielleicht doch etwas über den Porträtierten. Aber etwas anderes, als die Biografin und der Biografierte beabsichtigt haben.

Das holpernde Defensivspiel von Sebastian Kurz…

…und andere Blogposts des vergangenen Monats. Für den Fall, dass Du etwas versäumt hast, hier ein Verzeichnis der meistgelesenen Beiträge seit August.

Der Baumeister des Roten Wien. Zum 150. Geburtstag von Karl Seitz

Let’s Zwist Again. Was ist dran an der These von der zunehmenden Polarisierung?

Unser alltäglicher „Kommunismus“, ohne dem der Kapitalismus gar nicht existieren könnte.

Horte Dir einen Kanzler!

Das Märchen von der „Tugenddiktatur“ und den „Verbotsaposteln“

Kapitalismus verdirbt den Charakter!

Vom gekauften Kanzler zum Ladenhüter

Hoffnung wählen! Bei den Parteien fehlt es an Botschaften, für die man sich begeistern kann.

Schlanker Staat? Blöde Idee!

Fang den Wähler! Wie die bisherigen Oppositionsparteien dem türkisblauen Block Stimmen abluchsen können.

Der Krieg gegen die Armen

Wie „Moral“ zum Schimpfwort wurde

Die Proletarier haben nichts zu verlieren außer ihr Schnitzel

Sollen die Armen doch in Villen ins Grüne ziehen!

Der jämmerliche Geisteszustand des zeitgenössischen Liberalismus

Wie wütend sind die „einfachen Leute“?

Sebastian Kurz und die Medien – eine Entfremdung

Rendi-Wagner: Im Schlafwagen ins Kanzleramt?

Die ganze Welt als Feind – warum sich Sebastian Kurz echt als Opfer sieht.

Sebastian „das Opfer“ Kurz macht gerade Fehler am laufenden Band

Die Klimakatastrophe – auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Das wirkliche Problem der Roten

Pamela Rendi-Wagner kämpft wie eine Löwin und gewinnt von Tag zu Tag mehr an Profil. Ihr Hauptproblem hat sie geerbt: Wenn man die Menschen fragt, wofür die SPÖ steht, müssen sie lange nachdenken.

Viele Leute fragen: Warum kommt die SPÖ in den Umfragen nicht wirklich vom Fleck. Nun muss man dabei einschränkend sagen, dass Umfragen nur Umfragen sind, und die haben sich schon häufig als krass falsch herausgestellt. Auch heute weiß man nicht, wie die Dinge wirklich liegen: Liegt die SPÖ bei 20 oder 23 Prozent, vielleicht sogar bei 25?

Aber ein paar Dinge weiß man natürlich. Die ÖVP ist sicherlich im Augenblick deutlich voran auf Platz eins. Sebastian Kurz hat sich zu einer „Marke“ gemacht, und die „Marke ÖVP“ klar mit sich selbst verbunden – was übrigens ein Problem wird, wenn die Marke Kurz abstürzt. Die SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner musste unter eher ungünstigen Umständen in den Wahlkampf starten: Sie war erst ein paar Monate im Amt, ganz generell sahen die Bürger und Bürgerinnen sie nicht automatisch als eine „Kanzlerin“ an. Die Partei funktioniert auch nicht wie ein gut geöltes Räderwerk.

Dennoch ist Rendi-Wagner das Atout der SPÖ: Sie ist neu im Betrieb, gehört nicht seit ewig zur politischen Apparatschik-Klasse, kommt in der direkten Begegnung herzlich rüber und hat als Gesundheits- und Sozialpolitikerin ein klares Profil als eine mitfühlende Person.

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Das Grundproblem der SPÖ ist, dass die wenigsten Menschen heute wissen, wofür die Partei steht. Gewiss, sie ist eine 130 Jahre alte Partei, die immer die Partei der „einfachen Leute“ war. Dass sie damit so irgendwie für „soziale Werte“ steht wissen auch Leute, die sich nicht für Politik interessieren. Aber ein scharfes Profil ist das noch lange nicht. Parteien stehen dann gut da, wenn Wähler keine Sekunde zögern müssen, um zu sagen wofür eine Partei „steht“.

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Der Baumeister des Roten Wien

Karl Seitz war Victor Adlers „bestes Pferd im Stall“ und als Bürgermeister des Roten Wien eine Zentralfigur des europäischen Sozialismus. Heute wäre er 150 Jahre alt geworden.

Schon in den frühen 1890er Jahren schrieb Victor Adler, der legendäre Gründer der österreichischen Sozialdemokratie, an Friedrich Engels: „Ich bin wirklich stolz darauf, dass ich mich selbst beinahe überflüssig gemacht habe.“ Adler hatte stets die sozialistische Bewegung nach Talenten abgesucht und sich brillante Mitarbeiter gesucht, bis er, wie er später an Bebel schrieb, „eine ganze Zahl ganz prächtiger Leute“ beisammen hatte, Otto Bauer etwa, Karl Renner und andere. Über Karl Seitz schrieb er einmal, dieser sei das beste Pferd „in meinem Stall“. Dieser Karl Seitz sollte eine Zentralfigur des europäischen Sozialismus werden, nämlich der legendäre „Baumeister des Roten Wien“ – und ist dennoch beinahe vergessen. Heute würde er seinen 150. Geburtstag feiern.

Geboren wurde er als Sohn eines leidlich wohlhabenden Brennstoffhändlers, der aber früh verstarb. Die Mutter konnte die Kinder kaum durchbringen, weshalb Seitz im Waisenhaus aufwuchs, weil da wenigstens Essen auf dem Tisch garantiert war. Er machte eine Schneiderlehre und weil er intelligent und talentiert war, ergatterte er ein Stipendium für das Lehrerseminar. Schon als Abgänger seines Jahrgangs tat er sich als kämpferischer Schulreformer hervor und hielt als Jahrgangssprecher einer radikale Rede vor den erzreaktionären Schulautoritären, womit er gleich mit einem dicken Minuspunkt ins Berufsleben startete. Danach engagierte er sich in der progressiven Lehrerbewegung, machte als mitreißender Redner auf sich aufmerksam und zog als einer der ersten sozialistischen Abgeordneten in den niederösterreichischen Landtag und den Reichsrat ein. Im Zirkel der wichtigsten Parteiführer war er der geerdete „Mann aus dem Volk“, aber zugleich Bücherwurm, der Goethe auswendig lernte, Kant studierte und immer akkurat gekleidet auftrat, schließlich hatte er ja eine Schneiderlehre hinter sich. Später werden ihn die Wiener ihren „schönen Karl“ nennen. „Durch seine warme, strahlende Liebenswürdigkeit und durch seine eiserne Unbeugsamkeit“, habe er die Herzen der Menschen gewonnen, schrieb das sozialistische „Kleine Blatt“ später zu seinem 80. Geburtstag. Der Baumeister des Roten Wien weiterlesen

Ein flotter Dreier bei der Paartherapie

Die Brandstifter als Anbiedermänner: Ich will Kanzler werden. Ich will Innenminister werden! Ich will nicht dass Du Innenminister wirst! Ich will unbedingt Vizekanzler werden! Nimm mich, nimm mich. NIMM MICH!!!

FS Misik Folge 595: 
Der, der dauernd Verleumdungen und erfundene Gerüchte streut,
wissen’s eh, der Prinz der hohlen Phrasen,
der Justin Bieber der Hofratswitwen,
der, der dauernd behauptet, er würde sich am Anpatzen nicht beteiligen.
Der, der nur knapp eine Verleumdungsklage und damit eine wahrscheinliche Vorstrafe abwenden konnte,
das ist der – der einzige! – , der sich in zwei Wahlkämpfen schon zwei einstweilige Verfügungen eingefangen hat.
Sebastian Kurz und die Wahrheit, oder, wie der Volksmund sagt:
Die Geschichte einer langjährigen Feindschaft.

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Let’s zwist again!

Nicht nur Wahlkämpfe wirken heute wie Stammeskriege. Die politischen Lager gleichen „moralischen Stämmen“, die nur mehr aufeinander einprügeln. Warum gibt es heute so viel Polarisierung und so wenig Konsens?

Die Zeit, August 2019

Während der Großen Koalition, meinte ein ironischer Geist einmal, war die Regierung zerstritten, während der Türkis-Blauen-Allianz dagegen die Bevölkerung. Irgendwie sei ihm der Hader unter Politikern lieber gewesen als der Zwist unter 8 Millionen Bürgern. Die anekdotische Pointe lebte natürlich von einer Behauptung, die heute sowieso als gesichertes Wissen gilt, nämlich: dass es eine wachsende Polarisierung gäbe – nicht nur bei uns, sondern beinahe überall. Let’s zwist again! weiterlesen

Boris Kurz und Sebastian Johnson

Die konservative Rechte ist stets anfällig, auch in das politische und geistige Fahrwasser der Antidemokraten zu kommen. Man muss ihnen leider alles zutrauen.

Meine Kolumne aus der taz, 31. 8. 2019

Es gab ja einmal eine Zeit, in der ein erheblicher Teil der Linken der Bundesrepublik ablehnend gegenüber stand, einfach so in gewohnheitsmäßiger Anti-Haltung. Das Land wurde entweder als verstockt autoritär angesehen, oder einfach als bürgerlicher Staat, dessen Zweck nun einmal die Absicherung von Klassenherrschaft sei. Aber dann begann die meisten Linken die robuste pluralistische Demokratie zu schätzen. Auch ehemaligen Linksradikale akzeptierten deren Spielregeln, und sie gingen wie selbstverständlich davon aus, dass dies die andere Seite auch tat. Mir als Österreicher ging es da nicht anders, sowohl was die Bundesrepublik anging, als auch in Hinblick auf mein eigenes Land.

Ich erinnere mich noch, wie sehr der Kohl-Spendenskandal, der Ende der neunziger Jahre die CDU erbeben ließ, auch mich erschütterte. Mich verstörte weniger, dass da eine Partei schwarze Kassen unterhielt, in die über die Jahre Millionen verschwanden. Vielmehr schockierte mich die Tatsache, dass die Verantwortlichen kein schlechtes Gewissen hatten; dass sie im Grunde ihr Handeln rechtfertigten, und zwar mit der Behauptung, dass illegale Machenschaften eben den Zweck erfüllten, „die anderen“, also vor allem die Sozis, von den Regierungsämtern fernzuhalten. Der Hass auf den Feind – die Roten – war also deutlich stärker ausgeprägt als die Loyalität zu demokratischen Prinzipien. Das hat mich tief geschockt, da ich etwas naiv davon ausgegangen war, dass wir heutzutage alle Demokraten wären. Ich stellte fest: Ja, auf unserer Seite sind wir jetzt alle Demokraten, aber für die andere Seite gilt das nicht.

Heute flirten in vielen Ländern die ehemaligen Konservativen, zu Rechtspopulisten gewendet, mit dem autoritären Nationalismus. Um ihre Agenda durchzusetzen, gehen sie über Verfassung, Rechtsstaat und pluralistische Gepflogenheiten hinweg, als wären sie ein alter, verfickter Vorzimmerteppich.

Dass Boris Johnson das britische Parlament ausschalten will, um seinen Plan eines No-Deal-Brexit durchzupauken, ist wahrscheinlich der eklatanteste Angriff eines westlichen Regierungschefs auf die Demokratie. Aber er ist längst kein Sonderfall mehr. Boris Kurz und Sebastian Johnson weiterlesen

Unser „alltäglicher Kommunismus“, ohne den der Kapitalismus gar nicht existieren könnte

Warum bekommen auch die Armen sauberes Trinkwasser? Warum darf ich keine Babies verkaufen? Nicht der Markt trägt die Wirtschaft, sondern der Staat, der Gemeinwohlentscheidungen trifft.

Stellen wir uns für einen Augenblick eine junge Frau vor, die bei einem wirtschaftliberalen Think-Tank in der Medienabteilung arbeitet, und führen wir uns ihren Tagesablauf vor Augen. Morgens klingelt der Wecker, sie schaltet das Licht an, trottet ins Bad, nimmt eine Dusche. Danach macht sie das Essen für die Kinder fertig, checkt vielleicht noch etwas für die Pflegerin der hilfsbedürftigen Mutter, kurz darauf gehen alle aus dem Haus, die Kinder werden zur Schule gebracht, danach hüpft die Angestellte in die S-Bahn ins Stadtzentrum, geht ins Büro, schaltet den Computer ein und erklärt auf Social Media, dass der Staat immer ineffizient ist.

Dabei hat sie in den ersten zwei Stunden des Tages praktisch nur Dienste konsumiert, die auf irgendeine Weise öffentlich bereit gestellt werden: Sie hat das öffentliche Stromnetz benützt, die Wasserversorgung und die Abwasserwirtschaft, die staatlich organisierten Gesundheits- und Pflegedienste, das Schulsystem und den öffentlichen Personennahverkehr. Womöglich ist sie nur mit staatlichen Dienstleistungen (oder mit komplexen Hybriden aus Privat- und Staatswirtschaft) in Berührung gekommen, außer das morgendliche Müsli hat sie nichts konsumiert, was von der gefeierten Privatwirtschaft bereit gestellt wird. Dennoch glaubt sie vielleicht sogar wirklich, dass der Staat ein Moloch ist, der nur ineffizient ist und den Bürgern die Kohle aus der Tasche zieht. Weil sie höchstwahrscheinlich gar nicht wahr nahm, was sie so automatisch konsumiert.

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Die Energieversorgung nehmen wir ja erst dann wahr, wenn der Strom ausfällt.

„Die meisten Bürger in Europa (nehmen) zwischen sieben und neun Uhr morgens Güter und Dienstleistungen in Anspruch, die von mehr als sechs separaten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen abhängen, die zusammen die alltägliche Infrastruktur des zivilisierten Lebens ausmachen“, schreiben die Autoren des Buches „Die Ökonomie des Alltagslebens“, das eben im „Suhrkamp“-Verlag erschienen ist. „Stromversorgung, fließend Wasser, Abwasserkanalisation, vom Einzelhandel bereitgestellte Lebensmittel, ins Haus geliefertes Gas, Telekommunikation (Festnetz und mobil), Pflege, Bankdienstleistungen, die Wartung langlebiger Konsumgüter, Bildung und öffentlicher Nahverkehr.“ Unser „alltäglicher Kommunismus“, ohne den der Kapitalismus gar nicht existieren könnte weiterlesen