Der Schnösel gegen die Armen, die faul herum liegen

Sebastian Kurz‘ Verhöhnung der Armen

Gerade Wien sei ein Hort des Faulenzertums, sprach Sebastian Kurz zu Beginn der Regierungsklausur. „Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen.“ Dass ihm dieser Satz nur passiert ist, darf man getrost ausschließen. Erstens, weil Sebastian Kurz, eine Art Roboter der politischen Kommunikation, wahrscheinlich noch nie einen Satz gesagt hat, den er nicht vorher mit seinen PR-Agenten entworfen und danach auswendig gelernt hat. Zweitens, weil er genau diesen Satz schon einmal gesagt hat. Es ist ja auch keine Überraschung: Nach Diffamierung der Opposition, Diffamierung von Nichtregierungsorganisationen, Diffamierung von Medien und Journalismus gehört die Diffamierung von Armen und Arbeitslosen als Faulenzer, die an ihrem Geschick selbst schuld sind, zum Grundbestand der konservativen und rechtspopulistischen Sprachregelung, zur „Rhetorik der Reaktion“, wie das einmal der große Albert O. Hirschman genannt hat.

Die Frage ist, ob Kurz damit einen Fehler gemacht hat. Ich denke schon, nur ist die Sache nicht so einfach. Kurz vertritt eine Partei, die seit jeher die Partei der Geldleute ist, derer, die sich als etwas Besseres vorkommen. Daraus folgt aber noch nicht zwangsläufig, dass ihre Diffamierung gegen „Durchschummler“ und „Sozialschmarotzer“ nicht auf fruchtbaren Boden fallen kann, zumal dann, wenn man sie mit dem Ausländertrick kombiniert, also implizit nicht nur unterstellt, dass Menschen auf Kosten anderer faul herum liegen, sondern dass die, die in der Früh nicht aufstehen und den anderen auf der Tasche liegen, Fremde seien. Und diesen Ausländertrick wendet die Regierung ja bei jeder Gelegenheit an.

Wir sollen auch nicht glauben, dass Menschen aus der Mittelschicht, aber auch aus der Arbeiterklasse automatisch ein Gefühl der Solidarität mit jenen haben, die etwa arbeitslos sind oder von Chancenlosigkeit befallen sind. Die arbeitende Mittelschicht, Büroangestellte, Installateure, Arbeiter, auch das neue Dienstleistungsproletariat im Supermarkt oder bei den Paketdiensten, sie haben alle ihre eigenen materiellen Probleme: der Stress steigt, die Lebenshaltungskosten ebenso, die Einkommen stagnieren. Aber dennoch sind sie nicht identisch mit jenen, die überhaupt keine Jobs mehr finden, sei das deswegen, weil sie zu schlecht qualifiziert sind, sei das deshalb, weil die Konkurrenz am Arbeitsmarkt zu hart geworden ist, sei das deswegen, weil sie krank sind, oder weil sie schlecht deutsch können, sei das deswegen, weil sie temporär eher wenig flexibel sind (etwa Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern).

In der arbeitenden Mittelschicht ist, auch, wenn man das nicht wahrhaben will, ein dichtes soziales Netz, das alle auffängt, nicht notwendigerweise populär. Diese Bevölkerungsgruppen sind stolz darauf, dass sie ihre Familien mit ihrer Arbeit durchbringen, und jubeln nicht automatisch über Sozialprogramme, die den Armen helfen. Die US-amerikanische Juristin Joan C. Williams hat die verschiedenen Bedrohungslagen und die daraus resultierenden politisch-emotionalen Reaktionsweisen der „weißen Arbeiterklasse“ in ihrem Essay „What so many people don’t get about the U.S. working class“ analysiert. Ergebnis: Natürlich kann man auch Arbeiter damit gewinnen, wenn man gegen die Faulenzer hetzt. Die „Grammatik der Härte“, wie sie bei Konservativen so beliebt ist, kann auch hier auf fruchtbaren Boden fallen. Mutatis mutandis ist das hierzulande nicht viel anders.

Dennoch ist Sebastian Kurz Vorgehen ein Fehler und zwar aus drei Gründen:

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Resist the Zeitgeist

The Left is in crisis. Specifically the left parties are in crisis. It’s mostly parties that have stopped resisting, parties that gave in to a neoliberal ‘Zeitgeist’. We need to see them fighting again.

Progressive Post, #10

We talk about the ‘crisis of the Left’, or ‘the Left in crisis, but we have to ask ourselves: which Left precisely is ‘in crisis’? The left movements, the left subculture, the left NGO networks, the left intellectual jet-set or the counterculture-Left? Or is it about the left-wing parties, the parties on the centre-left, the Social Democrats and liberal-left parties? Only forty or fifty years ago, this question would have been nonsensical. It would have been clear that there are left-wing parties that are part of left-wing grassroots movements, and on the latter would naturally have regarded the left-wing parties as “their parties”, as “our people in the parliaments”. Only since the rebellious 1960s, the left movements and the left parties have split, rebellious movements and politics in the parliaments have taken different routes.

Parties of the democratic Left live off the idea of progress, of the idea of a better future: economic growth, prosperity for all, technological progress, social progress and democratic modernisation. They are associated with the promise of gradual progress for all, like Bobby Kennedy’s beautiful metaphor: the tide lifts all boats, not only the luxurious ones. Resist the Zeitgeist weiterlesen

Herrschaft der Niedertracht. Eine Streitschrift.

Ab spätestens März ist mein neues Buch im Buchhandel:

„Herrschaft der Niedertracht – Warum wir so nicht regiert werden wollen“. 

Rezensionsexemplare können beim Picus-Verlag bestellt werden. 

Der Autor steht wie immer für Vorträge, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen zur Verfügung. Kontakt: robert (at) misik.at

Orban, Trump, Salvini, Strache, Kurz, aber auch Duerte auf den Philippinen oder Bolsonaro in Brasilien uva. – die radikale Rechte zieht in Regierungen ein. Sie ist das Produkt einer Klimakatastrophe, aber zugleich auch deren Radikalisierung. Regiert wird im autoritären Stil: Diffamierung der Opposition, Diffamierung der Zivilgesellschaft, Diffamierung von Nichtregierungsorganisationen, Diffamierung von Medien und Journalismus.

Es ist die Herrschaft der Niedertracht, getragen von einer Sprache der Verachtung, die die Schleusen für alle geöffnet hat.

Hat für die FPÖ nur der Österreicher, der sich anstrengt, ein wenig Wohlstand verdient, der ominöse „Anständige“ (ein unbestimmter Kreis, aus dem man schnell ausgeschlossen ist), so ist umgekehrt für die ÖVP ein intaktes soziales Netz sowieso im Grunde nichts als ein Anreiz zur Bequemlichkeit, der abmontiert werden muss. Es ist eine Gefühlsrohheit, ein Lumpengeist, der es als „neue Fairness“ feiert, wenn Härte ins Leben anderer Menschen gebracht wird.

Sebastian Kurz verkörpert die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte von Anstand, Höflichkeit, Moral, Tugend, Liberalität, von Verantwortungsgefühl, zumindest minimaler Wahrhaftigkeit und christlicher Mildtätigkeit vor einer autoritären Hartleibigkeit. Indem er keinen anderen erkennbaren politischen Willen hat als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein, was nur ein anderes Wort für den Willen ist, an die Macht zu kommen und zu bleiben, nützt er die rechtsradikale Radaupolitik als Hebel und unterwirft sich ihr im selben Moment. Weil er den Rechtsradikalismus besiegte, indem er ihn kopierte, lieferte er das Land seinem Geist aus und machte sich zum Gesicht des autoritären Nationalismus, egal welche rosig gefärbte Geschichte sich dieser Meister der Ränke, Schliche und der pfiffig-schlauen Drehungen im Stillen über sich selbst wahrscheinlich erzählen wird.

Die Diffamierungs-Regierung. Der Krieg gegen Caritas & Co.

FS Misik Folge 580

Eben stellte man sich noch für besinnliche „Licht ins Dunkel“-Werbebildchen an, aber kaum ist die stille Zeit vorbei, schaltete die Regierung auf Diffamierungsmodus. „Asylindustrie“, „Asylbusiness“, „Konzern“, „Geschäftsmodell“, „Klingelbeutellobbyismus“, keppelten die Regierungskommunikatoren gegen die Caritas. Wundern braucht das niemanden mehr. Diese Regierung hat einfach ihr Skript, das sie sich von Orban und Co abgeschaut hat und jetzt einfach abarbeitet: Diffamierung der Opposition, Diffamierung der Zivilgesellschaft, Diffamierung der Nichtregierungsorganisationen, Diffamierung von Journalismus und Medien. Es ist ein so bekanntes Skript, dass man sich die Frage stellt, ob sich die nicht einmal auch etwas Eigenes einfallen lassen könnten. Das ist ja schon irgendwie langweilig. Mäßig originell ja auch die Diffamierung von Journalismus und Medien, die seit Jahren planmäßig betrieben wird. „Lügenpresse“, bellen die Rechtsradikalen, „klassische Medien“ seien „System=Establishment“, haben die Kurz-Leute schon in ihre Wahlkampfpapiere als Sprachregelung reingeschrieben („Wording“, wie man das im Propagandistenjargon nennt). Neuester Hit ist der Kampf gegen „Haltungsjournalismus“ und „Belehrjournalismus“, und besonders ulkig ist, wie sich die Kommentatoren der Pseudomedien und der regierungstreuen Presse an den neuen Phrasen beglücken. Abgesehen davon, dass sich die Frage aufdrängt, welchen Wertekompass man eigentlich im Kopf haben muss, wenn man „Haltung“ als Schimpfwort benützt, ist besonders skurril, dass der Vorwurf ausgerechnet von solchen „Journalisten“ und „Medien“ kommt, die praktisch ausschließlich aus Haltung bestehen – nur halt eben einer miesen –, um die herum sie ihre Lügen gruppieren. Das erklärt sich womöglich aus dem weit verbreiteten Irrtum, dass eine verkommene Gesinnung keine Gesinnung und eine Lumpenmoral keine Moral sei.

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Die politische Klimakatastrophe. Horrorjahr 2018.

FS Misik Folge 579.

Niemals sei er ein Neonazi gewesen, sagt der Vizekanzler nun in einem Interview. Es gibt zwar dutzende Bilder von ihm mit Neonazis, wasserdichte Recherchen, er wurde auch gemeinsam mit Neonazis festgenommen, aber er sei ja keiner gewesen. Nun gut, bei HC Strache ist tatsächlich denkbar, dass er sich dauernd mit Neonazis rumtrieb, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie Neonazis sind.

Ohnehin ist ja weniger das Problem an dieser Regierung, was einer ihrer Protagonisten vor dreißig Jahren dachte und meinte, sondern dass sie heute allesamt nicht sehr viel anders denken. Es kann aber auch am recht entspannten Verhältnis dieser Regierung zur Wahrheit liegen. Sie machen die Lüge zur Wahrheit und die Wahrheit zur Lüge, den Hass zur Liebe, die Liebe zum Hass, sie verwandelt die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn, die Propaganda-, Fake-News-, die Hass- und Blendmaschine, die dieses Land im Griff hat.

Frühere Regierungen bremsten und blockierten sich, in dieser stachelt man sich auf und lizitiert man sich hoch, der einzige innere Streit ist der Überbietungswettbewerb wer jetzt der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist. Könner des affektierten Stillschweigens genauso wie des lauten Gegröles, gemein, kleinlich, mal kalt herzlos menschenfeindlich, mal spöttisch-hetzerisch. Spricht aus dem Kanzler meist die Verachtung, die sich im Griff hat, der herzlose Bürokrat, ein Haider ohne Hetze hat ihn einmal einer seiner engen Vertrauten genannt (und das tatsächlich als Lob gemeint), dann aus seinen Koalitionären das Überschießende der sprachlichen Mordlust, der Spaß an der Hetzjagd, das Feixende von Spießgesellen, denen man die Freude an der eigenen Bösartigkeit von weitem ansieht.

Wie bei der Erderhitzung gilt auch hier: Der Klimawandel kommt nicht, wir stecken mitten drin in der Klimakatastrophe. Es regiert die Gefühlsrohheit, der sadistisch-masochistische Gemütszustand des Kleinstbürgers, der stets von der Angst zerfressen ist, irgendjemand könnte einen Vorteil erlangen, den er nicht ergattert und der zu Empathie nicht in der Lage ist – denn das einzige Mitleid, zu dem er fähig ist, ist das Selbstmitleid, die einzige Emphase die Einfühlung in sich selbst. Sebastian Kurz verkörpert die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte von Anstand, Höflichkeit, Moral, Tugend, Liberalität, von Verantwortungsgefühl, zumindest minimaler Wahrhaftigkeit und christlicher Mildtätigkeit vor einer autoritären Hartleibigkeit.

Indem er keinen anderen erkennbaren politischen Willen hat als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein, was nur ein anderes Wort für den Willen ist, an die Macht zu kommen und zu bleiben, nützt er die rechtsradikale Radaupolitik als Hebel und unterwirft sich ihr im selben Moment. Weil er den Rechtsradikalismus besiegte, indem er ihn kopierte, lieferte er das Land seinem Geist aus und machte sich zum Gesicht des autoritären Nationalismus, egal welche rosig gefärbte Geschichte sich dieser Meister der Ränke, Schliche und der pfiffig-schlauen Drehungen im Stillen über sich selbst wahrscheinlich erzählen wird.

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Kitschig und erlogen. Fall Relotius oder Fall mit System?

Nur, weil jemand ein schlechter Reporter ohne jedes Berufsethos ist, ist das Genre der Reportage nicht mitverantwortlich.

Der Fall Relotius ist eine unglaubliche Fälschergeschichte. Und die Kakophonie der Kommentare dazu, die jetzt zu hören sind, klingt wie eine Reportage von Claas Relotius selbst: großes Kino, mit viel Übertreibung, haarsträubendem Unsinn und ganz viel Kitsch. der standard Robert Misik in seinem sonntäglichen Videoblog, diesmal zum Fall Claas Relotius.

Simpel, wie immer, die Rechten: Für die ist Relotius nur ein Beweis für die „Lügenpresse“. Weniger simple Gemüter schieben die Sache auf ein System, das Leute wie Relotius belohne oder gar produziere, wieder andere auf das Genre der Reportage mit literarischem Anspruch. So als hätte ein System den seltsamen Typen beim Hamburger Magazin dazu gezwungen, seine Reportagen zu erfinden. Nein: Relotius hat gegen alles verstoßen, was eben „dieses System“ in Form von Berufsethos und Compliance-Vorschriften an Regeln zu bieten hat, und zwar auf so haarsträubende und auch unsinnige Weise, dass man an seinem Verstand mit Recht zweifeln muss.

Er ist aber auch ein schlechter Reporter gewesen, weil er Kitsch produziert hat, der die Sehnsucht der Menschen nach Märchen befriedigte – weil er stets Geschichten ohne Grautöne produzierte, in denen keine echten Menschen mit ihren Widersprüchen vorkamen, sondern nur Karikaturen. Nur, weil jemand ein schlechter Reporter ohne jedes Berufsethos ist, soll das Genre der Reportage jetzt mitverantwortlich sein? Oh Gott, wie ich diesen Unsinn schon nach drei Tagen hasse. Gibt’s eigentlich kein Thema mehr auf der Welt, das nicht sofort für haarsträubende Generalisierungen und Vertrotteltheiten benutzt wird?

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Alles so schön kompliziert hier! Die Sehnsucht nach Einfachheit und Verschwörungstheorien

Als ich hier vergangene Woche über diesen emotionalen Cocktail aus Wut und Enttäuschung sprach, der sich in Frankreich in einer popularen Revolte Bahn bricht, da kamen dann schnell die Gegenargumente, dass das doch alles durch rechte Fake-News-Seiten und Putins Trollfarmen gesteuert sei. Als könne es nicht eine Gleichzeitigkeit geben: berechtigte Wut und egalitäre Instinkte, die zugleich heterogen und instrumentalisierbar sind. Echte Empörung und Akteure, die damit ihr außenpolitisches Süppchen kochen. Ja, alles gleichzeitig und durcheinander. Eigentlich sind ja nahezu alle Geschehnisse in der wirklichen Wirklichkeit mehrdeutig und ambivalent. Sie sollten sich lieber damit abfinden, dass bei fast jeder Frage die richtige Antwort lautet: Es ist kompliziert. Es ist diese Kompliziertheit, die viele nicht ertragen, weshalb ja auch Verschwörungstheorien so beliebt sind. Sie fantasieren immer ein einfaches Ursache-Wirkung-Verhältnis herbei, der Komplexität wird das Komplexe ausgetrieben, die Welt ist dann aufgeräumt. Die undurchschaubaren Dinge werden klar, wenn man sich einredet, dass irgendjemand im Hintergrund die Fäden zieht. „Ambiguitätsintoleranz“ nennt das der deutsche Philosoph Thomas Bauer.

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Über „vernünftige“ Verschwörungstheorien

Die Welt als Wille und Vorstellung

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, Dezember 2018

Unsere Gehirne sind nicht besonders dafür gemacht, Zweideutigkeiten auszuhalten. Sind wir mit Phänomenen konfrontiert, dann wollen wir eine eindeutige Antwort. Ist Putin jetzt primär böse oder irgendwie nur halb? Ist der Sieg von Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt ein Triumph einer liberal-humanitären Christdemokratie oder ein Rechtsruck? Ist Person X gut oder ein schlimmer Finger? Dabei ist es natürlich in der Regel so, dass die richtige Antwort auf jedwede Frage dieser Art ist: Es ist kompliziert.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Man kann jetzt sagen: das ist die Rückkehr einer Art von Revolte, die bei uns schon beinahe ausgestorben schien, nämlich der Teuerungsrevolte. Früher wurden bei Brotpreisrevolten oder Bierpreisrevolten ja ganze Straßenzüge kurz und klein geschlagen, aber diese hatten ihre Hochphase im 19. Und 20. Jahrhundert und seit den 1970er Jahren sind sie in Europa eher selten geworden. Man kann sie als populare Revolte mit Gravitationszentrum in der Provinz interpretieren, von Marseille bis Saint Etienne, vom Elsass über das Massif Central bis zur Normandie, der Bretagne oder zum Mittelmeer. Aufstand der Abgehängten, ohne klares Programm, aber mit einem Instinkt, einem Klasseninstinkt derer, die wütend sind – auch über die Abwertungen ihres Lebens. Revolte der Leute jenseits der Schickheitszonen. „Das Benzin ist ein Symbol für die Möglichkeit, mobil zu sein und nicht eingeschlossen zu bleiben“, sagt der Philosoph Geoffroy de Lagagnerie. Es sind die, die mit Recht die Schnauze voll haben, formuliert die grandiose Annie Ernaux, die große französische Schriftstellerin. Und Edouard Louis fügt hinzu: „Wer das Beschmieren von Denkmälern für etwas Schlimmeres hält als die Unmöglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren, der muss wirklich überhaupt keine Ahnung davon haben, was soziales Elend ist.“

Zugleich wird aber dann sofort darauf verwiesen, wie sehr die radikale Rechte es versteht, dieser Bewegung eine Sprache zu geben, die Rhetorik gegen die liberalen Eliten, die Linken, die die einfachen Leute vergessen hätten. Es ist ja auch keine Bewegung für niedrigere Preise oder für höhere Löhne sondern eine gegen höhere Steuern, die Preiserhöhungen bewirken – und damit anschlussfähig an reaktionäre Rhetoriken vom gefräßigen Staat. Und dann natürlich das ultimative Argument: rechte Fake-News-Seiten schüren die Wut und Putins Kampf-Poster-Farmen feuern mit ihren Bots den Volkszorn an.

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Letzteres ist sicher auch nicht falsch, aber der Glaube, eine sinistre Macht könne Unmut nach Belieben entfachen und steuern, hinter jeder diffusen Erscheinung, die noch nicht völlig eindeutig interpretiert werden kann, stehe einer, der im Hintergrund die Fäden zieht, lappt schon sehr in Richtung Verschwörungstheorie. Die Idee von Putins Postingarmeen ist in gewisser Weise die Verschwörungstheorie, die gegenwärtig im liberalen Zentrum beliebt ist, sie wird nicht nur Verschwörungstheorie genannt, weil die Anhänger dieser Verschwörungstheorie üblicherweise über Anhänger von Verschwörungstheorien lachen. Eine Verschwörungstheorie für Gegner von Verschwörungstheorien, praktische Sache.

Man sieht aber gerade an diesem Beispiel eben auch den Vorteil der Verschwörungstheorie, das, was Menschen so empfänglich für sie macht: sie erlauben es, eine komplexe, diffuse Welt zu vereindeutigen. Etwas ist ambivalent, hat verschiedene Seiten? Na, da hilft es, sich einzureden, der böse Putin habe das alles angezettelt. Schon hat man eine schöne Ursache-Wirkung-Phantasie, die erlaubt, der Komplexität das Komplexe auszutreiben.
Das ist eben deutlich einfacher als sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es eine Wut gibt, die berechtigt ist, dass es spontane Revolten mit den richtigen Instinkten geben kann, die zugleich eben auch Heterogen und instrumentalisierbar sind, etwa von der rechtsradikalen Hassindustrie oder von fragwürdigen Akteuren, die eben ihre außenpolitischen Süppchen kochen.

Es gibt generell zwei Arten, die Wirklichkeit zu sehen: Eindeutigkeiten zu suchen, wo Mehrdeutigkeiten sind, klare Pläne, wo eigentlich niemand einen Plan hat. Viel klüger ist es die Welt und die Geschehnisse in ihr als Prozesse zu begreifen, so wie ein Kraftfeld mit vielen Vektoren, die alle wirken, aber keiner in die gleiche Richtung, die sich verstärken, aber sich auch gegenseitig blockieren. Die Welt, wie Friedrich Engels einmal sagte, als Ergebnis vieler Willen, aber damit letztendlich als Wille von Niemandem.

Wir haben uns einen Zaun gebaut

…und jetzt sind wir eingezäunt, Gefangene der eigenen Angstdiskurse

Beim Grazer Galerierundgang habe ich im „Rotor“ diese Rede gehalten: 

Weihnachten steht vor der Tür und das ist ja die erbauliche Zeit und überall werden er-bauliche Maßnahmen gesetzt, er-bauliche Maßnahmen. Überall werden Zäune hochgezogen. Und ganz unweihnachtlich ohne 24 Türln in den Zäunen. Reale Zäune wie der zwischen Ungarn und Serbien etwa, metaphorische Zäune. Länder schotten sich ab, zäunen sich ein, damit niemand rein kommt. Damit die Welt draußen bleibt aus der Idylle, der umzäunten. Der Restidylle, des umzäunten Territoriums.

Es müssen, in solch einer diskursiven Ordnung, natürlich gar keine realen Zäune gebaut werden, es wird ein Grenzregime etabliert, das kommunikativ ist und real zugleich, eine Wagenburgmentalität, die gar keine Wagenburg mehr braucht. Auch das Gerede über die Zäune schafft Realitätseffekte. Wirklichkeit ist Kommunikation, weshalb die Kommunikation eben umgekehrt auch Wirklichkeitseffekte hat.

Er —- ER – Sie wissen von wem ich rede. Der mit dem gewissen NICHTS. ER hat uns den Weg ins draußen geschlossen.

Die Zaunmentalität ist die Mentalität der Ängstlichen, die vor allem Angst haben, vor der Welt da draußen, vor Veränderung, vor den Menschen, vor den Nachbarn, vor allem. Der Zaun ist ja seit jeher die Metapher gewissermaßen dafür, für Enge, an deren Beginn immer die geistige Enge steht. Kein Wunder ist es, dass die Gartenzwerge in der Regel innerhalb von Zäunen rumstehen, so lieb, so schrecklich, so schrecklich lieb, so lieb schrecklich.

Der Zaun hat ja diesen schönen Doppeleffekt, der darin besteht, dass der, der einen Zaun baut, um andere draußen zu halten, als primären Effekt ja einmal sich selbst einzäunt. Der Zaun ist gegen andere gerichtet, aber seine eigentliche Folge richtet sich gegen den, der den Zaun baut, da dieser sich zunächst einmal und primär einzäunt. Wir haben uns einen Zaun gebaut weiterlesen

Revolte in Frankreich. Ein Aufstand mit Klasseninstinkt.

Die Revolte in Frankreich, dieser Aufstand der „Gilets Jaunes“, ist eine erstaunliche Sache. Erstens ist es die Rückkehr einer Revolte, die in unseren Breiten schon beinahe ausgestorben war – der Teuerungsrevolte. Brotpreisrevolten und Ähnliches, das kannte man – aber vor Jahrzehnten. Und jetzt die Benzinpreisrevolte. Es ist auch, zweitens, eine wirklich populare Revolte, also eine Revolte, deren Gravitationszentrum in den Provinzen liegt, den kleinen Städten, den Ausfahrten der Landstraßen, in den Dörfern, in der Normandie, der Bretagne, im Landesinneren.

Sie ist widersprüchlich und ohne Programm, aber sie hat einen Klasseninstinkt – den Klasseninstinkt der unteren Klassen, die das Prassen und die Arroganz der metropolitanen Oberschichten als Provokation erleben und die Abwertung ihres eigenen Lebensstils als Verletzung. Die sich als Vergessene erleben, auf denen man herumtrampelt.

Es sind die, die mit Recht die Schnauze voll haben, sagt die wunderbare Schriftstellerin Annie Ernaux, und der Starautor Edouard Louis fügt hinzu: „Wer das Beschmieren von Denkmälern für etwas Schlimmeres hält als die Unmöglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren oder einfach nur zu überleben, der muss wirklich überhaupt keine Ahnung davon haben, was soziales Elend ist.“

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Es beginnt immer mit einer Rhetorik, die entmenscht

Der Problemlandesrat Waldhäusl konnte sein Kinder-Boot-Camp zwar nur ein paar Tage halten, aber insgeheim werden wohl viele Menschen durchaus der Meinung sein, dass man junge männliche Flüchtlinge am besten hinter Stacheldraht in Lagern „konzentriert hält“ (Herbert Kickl). Denn über Jahre schon wird jede kleine, jede größere tatsächliche – oder auch erfundene – Straftat von jungen Flüchtlingen breit ausgewalzt. Taten Einzelner werden als Pathologie einer ganzen Gruppe – etwa der Afghanen – präsentiert, und der hassmediale Komplex trommelt ohne Unterlass.

Der Afghane erscheint als wild, wie ein gefährliches Tier, dem man allenfalls in sicherer Käfighaltung trauen kann. Klischee-Karikatur: testosterongetrieben, ungehemmt, das Messer schnell bei der Hand. Das bleibt nicht ohne Folgen. Selbst die gutmenschlichsten Gutmenschen sind angesichts dieser Gehirnwäsche, der wir alle ausgesetzt sind, bereit, auf Teenagergruppen jene Blicke zu werfen, die man üblicherweise Verdächtigen zuwirft. Hand aufs Herz: Wir merken gar nicht, dass eigentlich wir die Verdächtigen sind, die, auf die der Verdacht fallen sollte. Der Verdacht nämlich: dass diese Blicke, die wir werfen, die böse Tat sind.

Pech! Wie die FPÖ irrtümlich ein Hetzvideo produzierte

Ihr peinliches Ali-und-Mustafa-Video hat die FPÖ nur irrtümlich produziert und veröffentlich, sagt der Vizekanzler. Ja, ich kenn das, passiert mir auch immer. Hast böse Absichten, schlägt sich dann auch noch Pech dazu. Irrtümlich hat HC Strache auch eine Postenschacher-SMS an dafür nicht vorgesehene Adressaten geschickt.

Diese Woche stellt Strache auch seine Biografie vor. Die heißt nicht „Life of the Bumsti“ sondern: „Vom Rebell zum Staatsmann.“ Sehr deutsch ist das nicht, sondern eher bähmisch, wie man früher gesagt hätte (heute ist das bestimmt politisch inkorrekt). Egal, das hat bestimmt auch irgend so ein Lauser irrtümlich online gestellt.

Die FPÖ ist überhaupt ein großer Irrtum. Was aber beim Skandalvideo der FPÖ etwas unter ging ist die eigentliche Problematik und das eigentliche Thema: Es gibt Menschen in diesem Land, die nicht krankenversichert sind. Grob geschätzt: das unterste eine Prozent. Aber auch diese Menschen werden krank. Und auch diese Menschen gehen zum Arzt oder zur Ärztin. Und dafür brauchen sie nicht einmal eine Sozialversicherungskarte vom Kumpel (diesbezügliche Betrugsversuche würden ja auch viel zu leicht auffliegen). Denn es gibt genügend Ärztinnen und Ärzte, die Menschen ohne Versicherung nicht abweisen würden – sondern dann gratis untersuchen und mit Arzneimitteln versorgen. Es gibt auch Gemeinschaftspraxen, in denen Ärzte und Ärztinnen einen oder einen halben Tag pro Woche gratis Dienst machen, um Menschen ohne Versicherung zu versorgen. Es wäre vielleicht gescheiter, solche Armenärzte und stille Helden zu unterstützen als Ressentiment und Missgunst zu schüren, aber muss natürlich jeder selber wissen, was er persönlich für ehrenwerter hält. – derstandard.at/2000091656053/Pech-Wie-die-FPOe-irrtuemlich-ein-Hetzvideo-produzierte